Ein Jahr nach Olympia

Von Ursula von Kardorff

München, im August

Dicke braune Placken wuchern unter dem Dach über der Schwimmhalle, dem "Neuschwanstein der Schwimmbäder", und über dem "Hokuspokuszelt", in dem die sowjetischen Traumturnerinnen vor einem Jahr Gold gewannen. Die Transparenz der fabulösen Dachhaut ging verloren. Die Sonne, die man auf 60 und nicht auf 90 Grad Hitze berechnet hatte, brachte es an den Tag: Der weißblaue Himmel scheint nicht mehr hinein in die Hallen.

Kostspielige Reparaturen sind – wie an unzähligen Stellen – nötig, um das Braun wieder wegzubringen, doch die Durchsicht ist für immer dahin. Dennoch ist das Dach, vom Fernsehturm aus einem Silberdrachen gleichend, schön. Architekt Behnisch wird auf sein gefordertes Gesamthonorar von 21,2 Millionen Mark noch lange warten müssen. 11,2 Millionen bekam er schon. Rechtsanwälte werden auf Jahre beschäftigt sein. Die Olympiabaugesellschaft führt seit dem Ende der Spiele 25 Prozesse, einige hat sie schon gewonnen.

Wie präsentiert sich Willi Daumes Gesamtkunstwerk, der eine Million Quadratmeter große Olympiapark, ein Jahr nach den Spielen, die so hinreißend begannen? Erinnern sich die Bürger daran, so Daume, welchem Anlaß sie dieses "Geschenk verdanken"? Es wäre ungerecht zu sagen: Nein. Heute wandern sie artig und in Scharen über die gepflasterten Wege zwischen den Hallen, sie besteigen den Schuttberg und erfreuen sich an der Landschaft, die auf dem flachen Oberwiesenfeld so abwechslungsreich gestaltet wurde. Sie fahren mit einer kleinen blau-weißen Bahn für zwei Mark durch das Gelände und lassen sich willig führen von Stewardessen in "Olympic blue", die ungeheures Zahlenmaterial vor ihnen herunterschnurren.

Aber ein Volkspark ist das Olympiagelände nicht geworden. Nicht Disneyland oder Tivoli, aber auch kein Hyde Park unter frisch gepflanzten Bäumen. Nichts Lauschiges lockt. Eine Schar von Saubermännern hält die Anlagen rein, und eine Privatpolizei, in brauner Uniform mit Sheriffstern, Westernhut und Flüstertüte, paßt auf. Auch das ist nötig, aber es trägt nicht gerade zur wohligen Atmosphäre bei.