Will Georgios Papadopoulos wirklich die Demokratie wiederherstellen?

Von Karl-Heinz Janßen

Vor einigen Tagen, so erzählt man sich in Athen, kam eine chinesische Delegation in die griechische Hauptstadt. Als sie beim Ministerpräsidenten, beim Außenminister und beim Verteidigungsminister vorgesprochen hatten, wandten sich die Gäste halb vorwurfsvoll, halb verwirrt an ihre griechischen Begleiter: "Da sagt ihr Europäer immer, die Chinesen sähen alle gleich aus aber hier sieht ja auch einer wie der andere aus."

Mit solchen politischen Witzen kompensieren die spottlustigen Athener ihre Ohnmacht angesichts der Machtfülle des ehemaligen Obristen Georgios Papadopoulos, der sich am Sonntag nun auch noch als erster Präsident der neuen Repu-Zylinder, mit soldatischer Pünktlichkeit vor der Kathedrale zur Eideszeremonie erschien. Seit der Volksabstimmung am 29. Juli, als sich der Putschisten-Oberst für die nächsten sieben Jahre als Staatsoberhaupt legitimieren ließ, hatten sich die Griechen, viele von ihnen resigniert oder zähneknirschend, mit der "Papadopoulokratie" abgefunden.

Was dem Volk dann doch für einen Moment den Atem verschlug, war die große Geste, mit der ihr Präsident von eigenen, Volkes und Gottes Gnaden nach der Vereidigung auf Bildschirm erschien: Allen politischen Häftlingen verhieß er die Freiheit, sogar dem Gefangenen Alexandras Panagoulis, der ihm angeblich nach dem Leben getrachtet hatte. Um das Maß seiner Güte vollzumachen, begnadigte er am Montag auch noch jene 69 Offiziere und Matrosen, die nach dem mißglückten Marine-Putsch im Mai verhaftet worden waren.

Nicht nur die Gefolterten sprach er frei, sondern auch die Folterknechte – denn die Generalamnestie erstreckt sich "auf diejenigen Vergehen, die während der Prozesse zutagegetreten sind oder die von Staatsorganen begangen wurden, die mit der Verfolgung und den Verhören zu tun haben". Auf diese elegante Weise schaffte er sich mit einem Schlage mehrere Probleme vom Halse: Er beschwichtigte die politische Opposition, die ihm noch wegen der jüngsten Wahlfarce grollte, ebenso die Kritiker in jenen westlichen Ländern, an deren militärischer, finanzieller und wirtschaftlichen Unterstützung ihm so viel gelegen ist. Zugleich ersparte er sich das peinliche Schauspiel, daß einige der Amnestierten ihre Peiniger von der Militärischen Sicherheitspolizei wegen Verletzung der Menschenrechte vor die Gerichte zerren.

Diktatoren wollen geliebt sein. Großmut ziert die Könige, und sie adelt die Usurpatoren. Welcher Staatsmann, so mag Papadopoulos hoffen, wollte nun noch – vor den Vereinten Nationen, bei der Nato oder im Europarat – diesem Regime Unmenschlichkeit vorwerfen, wo doch die politischen Gefangenen entlassen, die Willkür der Geheimpolizei beendet und die Grundrechte wieder in Kraft gesetzt worden sind? Wo alsbald politische Parteien wieder ihr Haupt regen dürfen, die Militärs aus der Regierung verschwinden und zum Christfest 1974 sogar ein gewähltes Parlament seine Rechte wahrnehmen soll?