Von Cornelie Sonntag

Zeitmesser haben von jeher Phantasie und Interesse geweckt. An Kirchtürmen und in Wohnstuben tobte sich des Bürgers Hang zur einfallsreich gestalteten Uhr aus, mit Glockenspiel, Kuckuck und Ornament. Dagegen war die moderne Armbanduhr lange ein nüchterner Gebrauchsgegenstand. Schlicht, genau und verläßlich sollte sie sein, mehr nicht.

Das hat sich gründlich geändert. Die Armbanduhren wurden immer poppiger, modischer und spleeniger. Nicht nur Lederriemen, auch Metallscharniere, Ketten und Spangen baumeln an Handgelenken. Zifferblätter schimmern farbig – oder sind verschwunden: Statt dessen zeigen fortlaufende Zahlenstreifen oder -Scheiben Stunde und Minute an; digitale Zeitangabe nennt man das. Für viele Leute ist auf die Frage "Welches Datum haben wir heute?" der Blick aufs Handgelenk fast schon Reflex, man demonstriert damit Terminhetze und Geschäftigkeit.

Was die deutsche Uhrenindustrie für die Saison ’74 tickend, summend, schnarrend und klingelnd auf uns zukommen läßt, scheint den bisherigen Variationsreichtum noch zu überbieten. Die Uhr wird zum Prestigesymbol, zu Arbeitsinstrument, Spielzeug oder Schmuckstück, ausgestattet mit Nützlichem und noch viel mehr Unnützem. Nach dem Willen der Branche trägt, wer etwas auf sich hält, eine Zweit- und Dritt-Uhr, passend zur jeweiligen Beschäftigung – ob Bootsfahrt, Aufsichtsratssitzung oder Opernpremiere.

Da gibt es für die Society-Dame Brillantarmbänder oder geschwungene Silberreifen, an denen fast zufällig irgendwo noch eine Uhr hängt. Die Zifferblätter, auf denen nicht selten die Stundenangaben fehlen, animieren zum neuen Freizeitspielchen: Die genaue Zeit darf erraten werden. Die Geschlechtertrennung ist bis zur Albernheit deutlich: für die Dame die Uhr als nette Spielerei (als brauchten Frauen nicht zu wissen, wie spät es ist); für den Herrn das Gegenteil: der klobige Chronometer, mit einem Zifferblatt ausstaffiert wie ein Armaturenbrett, das Auskunft erteilt nicht nur über Datum und Sekunde, sondern auch über Schall- und Fahrgeschwindigkeit, manchmal gar den Pulsschlag.

Und das Geschäft mit dem Zeitgeschmack blüht. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres erzielte der bundesdeutsche Uhren- und Schmuck-Einzelhandel ein Umsatzplus von 14 Prozent. Der Durchschnittspreis für eine verkaufte Armbanduhr stieg von 54 Mark im Jahr 1968 auf das Doppelte (109 Mark) im Jahr 1972.

Warum dieser Run auf derlei Uhren-Kuriosa, warum schaffen sich immer mehr Leute eine zweite oder dritte Uhr an? Die Vertreter der Uhrenindustrie haben eine marktgerechte Erklärung parat: "Wir folgen dem Drang zum Individuellen", sagen sie, und: "Man kauft die Uhr nicht mehr fürs Leben, sondern für die Situation."