Hamburg

Sie waren seit Monaten spurlos verschwunden. Sie gehörten zu den rund 500 000 Vermißten in den Vereinigten Staaten und wurden erst als Leichen gefunden: 27 Jugendliche, die Opfer eines Sexualverbrechens in Texas geworden waren. Richter und Politiker in den USA förderten nun, daß mehr getan werde, um vermißte Jugendliche aufzuspüren und ihnen zu helfen – mit Hilfe einer zentralen Vermißtenkartei und einem Netz von Anlaufstellen, in denen Ärzte und Psychiater arbeiten sollten.

Wie wird das Problem der "Ausreißer" bei uns in der Bundesrepublik gelöst? Denn immerhin werden etwa 35 000 Menschen jährlich als vermißt gemeldet, und etwa 80 Prozent von ihnen sind Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren. In einer Großstadt wie Hamburg kann die Polizei immerhin 99 Prozent der Fälle aufklären, und meist sind es Erwachsene, die über Jahre untertauchen und nicht gefunden werden.

In Hamburg sind zehn Jugendschutztrupps und fünfzig Beamtinnen der weiblichen Schutz-, polizei ständig auf der Suche nach streunenden und gefährdeten Kindern und Jugendlichen: Auf dem Hauptbahnhof, dem Kiez von St. Pauli und St. Georg, in Parkanlagen und an den Autobahnausfahrten. Und was sie dort sehen und hören, ist eine traurige Wirklichkeit: Diebstähle, Handel mit Rauschgift und Prostitution sind häufig die einzigen Möglichkeiten zu überleben und sich irgendwie durchzuschlagen. Mädchen werden von Zuhältern ausgenutzt, eine 14jährige fanden Beamten als Strip-tease-Tänzerin in einem Lokal auf St. Pauli. Auch Jungen verdienen sich häufig ihren Lebensunterhalt durch den Strich. Meist aber stehlen sie. So fand man kürzlich einen 12jährigen, der schon siebzehnmal von zu Hause weggelaufen war und vom Autoknacken lebte. "Doch die jugendlichen Ausreißer sind kein strafrechtliches Problem, sondern ein gesellschaftspolitisches, das wir nicht lösen können", sagt eine Beamtin der Hamburger Schutzpolizei. Denn die meisten Kinder flüchten aus gestörten Familienverhältnissen. Eltern sind geschieden, der Vater trinkt, es kommt häufig zu Streit und Gewalttätigkeit. Ein Teil ist auch aus dem Heim weggelaufen, weites dort an Liebe und Verständnis fehlt. In all diesen Fällen ist es eigentlich nicht möglich, die Jugendlichen einfach zurückzuschicken. Doch nur allzu häufig bleibt den Jugendbehörden keine andere Wahl. Es fehlt an Einrichtungen, wo die Jugendlichen intensiv und längerfristig von Psychologen und Soziologen betreut werden, wo Motive ergründet, seelische Schäden behandelt und Angebote für ein besseres Leben gemacht werden können.

Was die Behörden bieten, sind lediglich ambulante, kurzfristige Betreuung und Beratung, die wenig nützen. In Hamburg gibt es zum Beispiel die "Anonyme Jugendschutzstelle", die Tag und Nacht erreichbar ist, die Schülerhilfe und einen jugendpsychologischen Dienst. Doch es fehlt an therapeutischen Wohngemeinschaften. Auch in Berlin, wo das Problem der Ausreißer und gefährdeten Jugendlichen besonders groß ist – es werden dort jährlich 5000 bis 6000 Vermißte registriert –, sind die Behörden auf Privatinitiativen angewiesen, die sie allerdings finanziell unterstützen. So die Arbeit im Georg-von-Rauch-Haus und in zahlreichen selbstverwalteten Jugendkollektiven. In Köln wird zur Zeit darüber diskutiert, wie und wo Wohngemeinschaften und Behandlungszentren von den Behörden eingerichtet werden müßten, um die Arbeit des Vereins "sozialpädagogische Sondermaßnahmen" zu ergänzen. Dort werden Kinder und Jugendliche sechs Wochen lang von Psychologen, Pädagogen und Soziologen betreut, man versucht, Arbeitsstellen oder Schulplätze zu vermitteln und Wohnungen zu beschaffen.

Doch das alles ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Tausende werden, weil es Sinnvolleres nicht gibt, wieder in die Familie oder ins Heim zurückgeschickt und rücken dann immer wieder aus. Der Ausbruch aber führt meist nicht in die Freiheit, sondern in Kriminalität und Prostitution. Margit Gerste