Spätestens bei der Fahrt in den Höllenschlund war klar, daß man nicht dem Erdenlauf einer faustischen Seele zugeschaut hatte, sondern einem "dramma giocoso". Die von Da Ponte vorgesehenen Gerichtsdiener, die mit Elvira und den beiden Liebespaaren reinstürmen, um Don Giovanni endlich zu verhaften, standen nicht wie üblich dumm herum, sondern machten sich sofort daran, die offen gähnende Feuerskluft mit einem Zollstock auszumessen. Das Establishment von Sevilla schloß nur zu gern die Akten über dem unangenehmen Fall: Mord, versuchte Vergewaltigung einer unbescholtenen Person, Körperverletzung, nächtliche Ruhestörung, Heiratsschwindel, Friedhofsschändung und wohl auch Teufelspakt. In Peter Ustinovs Edinburger Inszenierung ging nichts davon in den Kulissen vor sich. Die Drehbühne erlaubte den Blick auch auf Don Giovannis physische Praktiken (an Zerline), während man doch gemeinhin ihn als Fechter und Serenadendrescher kennenlernt. Endlich stand auch einmal auf der Bühne jenes Möbelstück, um das sich schließlich alles dreht: ein Bett, und zwar das der Donna Elvira, und zwar in heuchlerischem Weiß. Nichts also von Scheinheiligkeit und Pomp von seiten der Regie. Das hilft, so findet Ustinov, nur der Selbstgerechtigkeit der Umgebung Don Giovannis. Der mag ein billiger Libertin sein, sein hiesiges Kostüm könnte dem Figaro anstehn, und sein Schloß, von dem er den Mädchen vorschwärmt, ist innen mit spießigen Geweihen verziert. Aber seine Opfer verdienen nichts Besseres als Schwindel. Denn Donna Anna lamentiert doch nur, weil sie den Lohn des freiwilligen Fehltritts mit dem frechen Schmeichler nicht bekommt, nämlich eine hochdramatische öffentliche Entlarvung; dazu fehlt ihr sein Name. Der Komtur eilt – so glaubt Ustinov – auch nur herbei in der Hoffnung, daß er den Don Ottavio, den Langweiler im rosa Frack, endlich bei seiner Tochter in flagranti findet. Und Elvira mit Blumen im Haar sieht aus wie Carmens bürgerliche Tante.

Eine leicht frivolisierende Ausdeutung also, eine sehr farbige, lichte Inszenierung mit wenig nächtlichem Gehusche. In der Mitte des Edinburger Mini-Theaters (denn das neue große Opernhaus gibt’s erst auf dem Reißbrett) drehte sich eine Allzweckvilla, – kein Palast, eher ein Ferienbungalow in Benidorm mit Außentreppe aufs Dach. Nicht einmal für den Kirchhof wurde gewechselt. Das erlaubte ein forsches Durchziehen, wie es dem Dirigenten Daniel Barenboim entgegenkam. Für sein Operndebüt hat er sich nicht gerade die Tempi des von ihm verehrten Klemperer zurechtgelegt. Manchmal holperte und polterte es ein wenig, aber für den Mann am Pult, der vor ein paar Jahren noch keinen Taktstock in der Hand gehabt hat, war es eine erstaunliche Leistung. Allerdings wird man dem English Chamber Orchestra viel von der Helligkeit des Klangs und der Präzision der Begleitung zuschreiben müssen. Auf der Bühne dominierte Geraint Evans als Leporello, ein Mime nach Ustinovs Geschmack. Roger Soyer reihte seinen gut anzusehenden und sonoren Verkörperungen der Titelrolle eine weitere an. Heather Harper war als Elvira eine Fehlbesetzung und fühlte sich denn auch gar nicht wohl. Helen Donath war eine irgendwie zu gewichtige Zerline. Alles in allem ein Abend, den man am besten als amüsant bezeichnet. Mozart geht auch so, wenn wohl auch nicht nur so. Karl-Heinz Wocker