ARD, Montag, 20. August: "Kitsch", von Michael Strauven

Es gab bei uns eine Zeit, da Kitsch gesetzlich verboten war. Allerdings in einem spezifischen Anwendungsbereich: laut Gesetz vom 19. Mai 1933 war es verboten, "Symbole der deutschen Geschichte, des deutschen Staates und der nationalen Erhebung öffentlich in einer Weise zu verwenden, die geeignet ist, das Empfinden von der Würde dieser Symbole zu verletzen". Die Sendung von Michael Strauven hatte nun durchaus das Verdienst, die Vorstellung vom Kitsch aus der Enge solcher einzelner Anwendungsbereiche zu befreien. Sie hatte auch das Verdienst, jene fatale Genügsamkeit hinter sich zu lassen, nach der etwa (was man noch auf Schritt und Tritt antrifft) Kitsch dies ist: "ein geschmackloses Erzeugnis, das sich als Kunstwerk ausgibt". Hier nämlich kommt man vom Regen in die Traufe, man ist scheinbar nicht mehr in Verlegenheit zu sagen, was Kitsch sei, aber durchaus in der Verlegenheit zu sagen, was Geschmacklosigkeit sei: Man hat sozusagen den Schwarzen Peter des Definitionszwangs nur weitergegeben.

Die Sendung litt nicht daran, daß die Beispiele aus einem zu engen Bereich, sie litt daran, daß sie unkontrolliert aus zu vielen Bereichen geholt waren: was einer analytischen Unsicherheit, Vagheit und Waghalsigkeit entsprach. Noch bevor man annähernd Befriedigendes (natürlich nur als ein Provisorium) über den Begriff Kitsch gehört hatte, war man schon bei vielen Anwendungsbereichen oder Erscheinungsformen angelangt, bei Politik, Lebenshilfe, Vergangenheit, Pornographie, Sport und anderem mehr. Dann hörte man (zum Teil anregende) Halbwahrheiten, man bekam überreichlich Stoff für Diskussionen, nirgends eine annähernde Lösung. Schon die Frage, ob Kitsch nur im Bereiche der Kunst stattfinde, als eine Art Entgleisung oder Entartung, wurde nicht exakt beantwortet, der Hinweis auf "schlechte Kunst" und Dilettantismus war falsch oder doch wenigstens unzureichend.

Zuweilen war man dem Problem greifbar nahe, aber man griff nicht zu. Zum Beispiel dann, als man vom Sonnenuntergang als Naturvorgang sprach. Sonnenuntergänge würden, hieß es, "ungenießbar", weil man angekränkelt sei durch die vielen Kitschbilder. Wer ist denn, so möchte man fragen, angekränkelt? Und unter welchen psychischen und soziologischen Voraussetzungen? Wo und wie kommt Subjektivität ins Spiel?

Eine wesentliche Hilfe hätte bei diesem Ermittlungsverfahren die zitierte Bemerkung von Walter Gropius bilden können, wenn er von Schönheit und Anpassung eines Gegenstandes an seinen Zweck spricht. Das Gegenteil wurde ja, schon zu Anfang der Sendung, wenigstens als Beispiel völlig richtig eingesetzt, aber unzureichend ausgenutzt, nicht analysiert: der Eiffelturm als Aschenbecher. Da ist keine Anpassung an den Zweck nachweisbar. Und es fragt sich, ob nicht generell dort nach dem Wesen des Kitsches gesucht werden müßte, wo Störungen stattfinden: etwa Störungen der Anpassung, des Gleichgewichtes, der Entsprechung von Form und Inhalt.

Kitsch als Surrogat, gewiß. Aber man hätte, ohne sofort ins Werten und Moralisieren abzugleiten, untersuchen müssen, welche kompensatorischen Funktionen der Kitsch dort ausübt, wo, vor allem in der modernen Industriegesellschaft, psychische Gleichgewichtsstörungen stattfinden. Das hat Michael Strauven nicht in den Griff bekommen. René Drommert