Neulich hat der französische Landwirtschaftsminister Chirac etwas gesagt, was er, wie viele meinen, besser nicht gesagt hätte, jedenfalls nicht so offen. Es war so schlimm, daß man kaum wagt, das wiederzugeben, was er gesagt hat. Aber um der Sache willen, muß es sein. Er hat nämlich gesagt ... wir Deutschen wären Europa nicht treu, jawohl, das hat er gesagt. Und außerdem noch, wir würden Europa bald den Rücken kehren. Das uns! Wo wir doch. Wie jeder weiß. Unerhört!

Unserer Regierung hat’s zunächst einfach die Sprache verschlagen. Aber dann hat sie sie wiedergefunden und dem Landwirtschaftsminister in gebührender Form geantwortet. Obwohl seine Kritik eigentlich keine Antwort verdient hatte. Und der Kanzler soll ja auch im Kabinett gesagt haben, es sei ihm egal, was Chirac sagt oder meint. Ihm sei nur wichtig, was Pompidou sagt. Und der habe gar nichts dazu gesagt.

Eingeweihte wissen: Dahinter steckt natürlich etwas ganz anderes. Aber was? Und vor allem: Wer? Etwa doch der französische Staatspräsident? Aber was denkt Pompidou wirklich? Etwa: "Denk’ ich an ein wiedervereinigtes Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht?" Aber das ist eigentlich undenkbar. Pompidou neigt doch eher der Ansicht zu, man solle schlafende Hunde nicht wecken.

Inzwischen hat auch schon Pompidou Brandt beruhigend versichert, daß er an unserer Treue zweifle, davon könne keine Rede sein. Und sein Landwirtschaftsminister habe nur gesagt, was er denke, aber keineswegs was Pompidou denke. Und dazu noch privat. Das wirkt auf alle ungemein beruhigend.

Aber da ist die Opposition, die gerade ihren Sommerschlaf hielt, plötzlich aufgewacht, hat sich, noch etwas schlaftrunken, die Augen gerieben, dann, blinzelnd, die politische Landschaft betrachtet – und ist der Regierung erstmals kräftig in den Rücken gefallen, indem sie sofort erklärte, was die Franzosen sagen, habe sie schon immer gesagt. Das käme eben davon, wenn man. Und wenn diese Regierung so weitermache, dann. Selbst der sich sonst so kühl gebende Carstens geriet richtig in Hitze und forderte den Kanzler energisch auf, doch mal endlich zu sagen, was er zu dem sagt, was Bahr gesagt hat. Und zwar 1969, also schon vor vier Jahren!

Darauf zeigte sich die Regierung ziemlich empört, über das, was die Opposition gesagt hat. Und wies es in ungewöhnlicher Schärfe zurück. Und stellte erst mal klar. Und in Abrede. Weil es in klarem Widerspruch stünde zu. Und unbegründet sei es obendrein noch. Und nicht einmal neu.

Und außerdem: Wenn Carstens schon so was sage, dann sollte er besser vorher erst mal lesen. Und zwar im Protokoll von der Bundestagssitzung vom. Da sei nämlich alles dazu gesagt worden: Außerdem habe auch schon Adenauer damals. – Dazu stellte Carstens fest, auch das sei; nicht neu. Und Adenauer habe das nicht so gemeint, nicht mal im Traum. Und forderte die Union Europas schon für 1974, oder 1975, und nicht erst für 1980. Und die Regierung dazu auf. Sonst könnte es nämlich. Dazu meinte die Regierung, auch das sei nicht neu. Und so blieb alles beim alten.