Das Märchen von der "Gewinnexplosion": auch 1973 steigen die Löhne schneller als die Unternehmenserträge

Um die Konzertierte Aktion ist es recht still geworden. Von Helmut Schmidt ist bekannt, daß er sich von Gesprächen unter vier Augen (besonders bei Gewerkschaftsführern) mehr verspricht als vom "großen Palaver". Und auch sein Kollege Hans Friderichs hat bisher nicht darauf gedrungen, daß von der Regierung Orientierungsdaten zur Lohnpolitik veröffentlicht werden, wie es im Stabilitätsgesetz vorgesehen ist.

Dabei ist gewiß, daß der Lohnentwicklung in den kommenden Monaten – wieder einmal – eine konjunkturpolitische Schlüsselrolle zukommen wird. Die Stabilitätspolitik von Bundesbank und Bundesregierung wird letztlich nur Erfolg haben, wenn nicht im Herbst und Winter durch zu hohe Lohnsteigerungen der Preisauftrieb für 1974 schon vorprogrammiert wird. Auf dem Wunschzettel der Regierung steht an erster Stelle: Tarifabschlüsse nicht über zehn Prozent.

Das Dilemma für die Gewerkschaften ist offenkundig. Man darf unterstellen, daß die meisten Gewerkschaftsführer durchaus gewillt sind, die Stabilitätsbemühungen einer sozialdemokratisch geführten Regierung zu unterstützen. Aber sie stehen unter Druck: die wilden Streiks nehmen zu, Jusos und andere Gruppen der radikalen Linken versuchen durch "Basisarbeit" in den Betrieben Arbeiter gegen ihre gewählten Vertreter aufzuwiegeln.

So dürfte es den Gewerkschaften schwerfallen, Vorleistungen zu vollbringen. Und darum wird es gehen: wenn die Tarifverhandlungen beginnen, wird der Preisauftrieb allenfalls geringfügig nachgelassen haben. Eine reale Steigerung der Einkommen wäre also bei Tariferhöhungen unter zehn Prozent kaum zu erzielen.

Verständlich ist es also durchaus, wenn etwa Eugen Loderer von der IG Metall in markigen Worten Forderungen von weit über zehn Prozent ankündigt. Die Gewerkschaften wollen schon jetzt "trommeln" (obwohl erst am 1. Januar Termin für die nächste große Tarifrunde ist), um so die Unzufriedenheit abzufangen. Freilich bringt diese Taktik die Gefahr mit sich, daß hinterher vernünftige Kompromisse kaum noch unterschrieben werden können.

Besonders bedenklich ist, daß manche Gewerkschafter mit falschen Zahlen operieren. Wer wie Heinz Oskar Vetter davon spricht, die Inflation sei die Folge ungezügelter Profitgier der Unternehmer, muß sich Unkenntnis oder Böswilligkeit vorwerfen lassen. Die Tatsachen stützen jedenfalls solche Behauptungen nicht.