Recklinghausen

Zweihundertundfünfzig Vertreter aus allen Bevölkerungskreisen waren zum Gruppenbild mit Bundestagspräsidentin geladen. Doch 350 kamen in die Festspielhalle von Recklinghausen, wo Annemarie Renger "vor Ort" ging, um aus erster Hand zu erfahren, wo der Schuh drückt.

Die Chefin des deutschen Bundestages, die unter dem Stichwort "Information – Diskussion" zum erstenmal im rheinischen Meerbusch den direkten Dialog mit dem Bürger gesucht hatte, wollte bei ihrem zweiten Lokaltermin zwei Gesprächsthemen behandeln: den parlamentarischen Selbstreinigungsprozeß in Sachen Steiner und die Besteuerung von Bundestagsabgeordneten.

Doch Affären und Diäten blieben nur Randthemen. Den Fragestellern – überwiegend Honoratioren, kommunale Amtsträger und Funktionäre – ging es nicht um bundespolitischen Sprengstoff, sondern um die heißen Themen an Rhein und Ruhr. Die Fragen kreisten um die Komplexe Fleischboykott in Nordrhein-Westfalen, spontane Arbeitsniederlegungen in der metallverarbeitenden Industrie und die Bildungsmisere im Bindestrichland.

Das Informationsmaterial, das die Präsidentin zur Werbung für den Bundestag mitgebracht hatte, erwies sich als Bumerang. Anstoß erregte eine "Parlament-Aktuell"-Broschüre, die auf zwei Seiten darlegt, wie gebildet der Bundesbürger in das Jahr 2000 gehen wird. Angesichts der nordrhein-westfälischen Lehrermisere bemängelten die Kritiker, könne man sich nur fragen, mit welchem Wissen man das Jahr 1980 erreichen werde.

Zum Thema Fleischboykott ließ sich die Politikerin ein halbes "ja" und viele "aber" entlocken. "Ich finde den Käuferstreik sehr gut, wenn offensichtlich überhöhte Preise nicht gerechtfertigt sind", um gleichzeitig zu bedenken zu geben, man müsse genau klären, gegen wen gestreikt werde – gegen die Erzeuger, gegen die EWG-Marktordnung oder gegen den Handel.

Die Rüge folgte auf dem Fuß: Wie könne die Präsidentin einen Boykott begrüßen, deren Ursache sie nicht kenne. Und ein Verbandsmann, der sich zum Sprachrohr des ambulanten Gewerbes und der Metzger machte, ging noch einen Schritt weiter. Er stellte den Verbraucher an den Pranger: "Die wissen ja gar nicht, wieviel von einem Ochsen oder einer Kuh weggeworfen werden muß..."