Forscher analysierten die schwerste Quecksilberkatastrophe aller Zeiten

Von Günter Haaf

Die Plage, die Babylon befiel, gemahnte an biblische Zeiten. Heimlich wirkte das Gift für Wochen und Monate in den Leibern der Bewohner. Dann bemerkten die Opfer, wie ihre Muskeln in den Beinen und um den Mund lahm wurden. Wenig später hatten sie Schwierigkeit, das Gleichgewicht zu halten. Sie konnten ihr Leiden nur mit Mühe beschreiben, da ihre Sprache unverständlich wurde, und auch ihr Hörvermögen schwand. Schließlich starben die gezeichneten Kranken. 128 waren es im Bannkreis der antiken Weltstadt, 1083 Neu-Babylonier mußten in Krankenhäusern behandelt werden. Sieben von zehn schwangeren Frauen unter 30 Jahren überlebten die Katastrophe nicht. Und die Dunkelziffer jener, die fernab von ärztlicher Hilfe verendeten, war nie genau zu ermitteln.

Wie in der Provinz Babylon wanden sich zu Anfang des Jahres 1972 überall im Irak die Opfer der größten Epidemie, die jemals durch das giftige Schwermetall Quecksilber ausgelöst worden ist. 6530 Personen -mußten in Krankenhäusern behandelt werden, jede vierzehnte starb. Offiziell registrierten die Behörden 459 Tote.

Jetzt veröffentlichte eine irakisch-amerikanische Forschergruppe eine Analyse der Katastrophe an Euphrat und Tigris. In der US-Wissenschaftszeitschrift Science schildern der irakische Toxikologe Hashim Dhahir und seine sieben Kollegen von der Universität Bagdad zusammen mit dem amerikanischen Giftexperten Thomas Clarkson und dessen beiden Mitarbeitern von der University of Rochester im US-Bundesstaat New York, wie es zu der Massenvergiftung kam – und was die Forscher bei der Behandlung und Untersuchung der Opfer lernten.

Professor Clarkson: "Im Sommer 1971 trat im Irak eine Verknappung an Saatgetreide ein. Der Irak importierte daraufhin 73 000 Tonnen Weizen und 22 000 Tonnen Gerste. Der größte Teil des Getreides kam aus Mexiko, und alles war mit Quecksilbermethyl-Fungizid behandelt." (Fungizide sind Mittel zur Bekämpfung von pflanzenschädigenden Pilzen.)

Das vergällte Saatgetreide war braunrot eingefärbt und in Säcke mit warnenden Aufschriften und Zeichen verpackt. Denn Quecksilbermethyl ist eine hochgiftige organische Verbindung des seltenen Schwermetalls. Als Schutzmittel für Saatgetreide kann es keinen großen Schaden anrichten. Anders aber, wenn das Korn entgegen seiner Bestimmung gegessen wird.