Am 28. August erhält Arno Schmidt den Frankfurter Goethe-Preis

Der 28. August ist Goethes Geburtstag. Am 28. August verleiht die Stadt Frankfurt in der Paulskirche den Goethe-Preis. Der wurde 1927 begründet; Stefan George war sein erster Träger. Nach dem Krieg erhielten ihn Max Planck, Hermann Hesse, Karl Jaspers, Fritz von Unruh, Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Annette Kolb, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Ernst Beutler, Walter Gropius, Benno Reifenberg, Carlo Schmid und vor drei Jahren Georg Lukács.

In diesem Jahr heißt der Preisträger Arno Schmidt. Er wurde einstimmig gewählt, von einem so illustren wie heterogen zusammengesetzten Kuratorium von Politikern und Wissenschaftlern und Literaten, bestehend aus dem hessischen Kultusminister von Friedeburg, Frankfurts Oberbürgermeister Rudi Arndt, Frankfurts Kulturreferent Hilmar Hoffmann, dem Rektor der Frankfurter Universität, dem Vorsitzenden des Freien Deutschen Hochstifts sowie Jürgen Habermas, Marie Luise Kaschnitz und Gerhard Zwerenz.

Nun ist eine Preisverleihung an Arno Schmidt keine Routinesache. Schmidt nimmt an dem Literaturbetrieb ausdrücklich nicht teil, seit Jahren führt er ein Eremitendasein in Bargfeld, einem Dorf in der Lüneburger Heide, und bastelt an einem immer exklusiver werdenden Werk, das für manchen, so für den Übersetzer-Kollegen und Schriftsteller Hans Wollschläger, weit und breit das einzige überhaupt ist, was in der heutigen deutschen Literatur zählt; andere halten es für einen nachgerade abschreckenden Zettelkastenrausch. Schmidt oder nicht Schmidt: das ist unter den deutschen Literaten fast eine Gewissensfrage geworden, und der Schmidt-Kult erreicht ausgemacht bizarre Formen, wenn die Mitglieder des Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikats im "Bargfelder Boten" dunkle Anspielungen deuten, indes der Meister unnahbar schweigt und sich vor drohenden Fernseh-Teams gar in den Keller zurückzieht.

So wird Schmidt auch nicht nach Frankfurt fahren, um den Preis eigenhändig in Empfang zu nehmen; allenfalls erscheint Frau Alice. Immerhin hat er eine Rede geschrieben: Rudi Arndt durfte sie auf einer Radtour durch die Lüneburger Heide in Bargfeld abholen. Für die Laudatio war Helmut Heißenbüttel vorgesehen, der Schmidt angeblich nicht genehm war, dann Alfred Andersen, den Krankheit abhielt; jetzt hält sie Lars Clausen, Soziologieprofessor in Kiel und seit vielen Jahren Arno Schmidt durch Brieffreundschaft verbunden. Zur Vorbereitung hat Clausen die letzten Wochen wo zugebracht? In Bargfeld, wo sich eine Art Schmidt-Tourismus entwickelt, den Meister, der nicht zu sprechen und zu sehen ist und der sich einmal über die "Lachhaftigkeiten" der hypertrophierten Goethe- und Joyce-Forschung mokierte, ehrfürchtig-zudringlich belauernd.

Arno Schmidt und der Goethe-Preis: Eine Beziehung zu Goethe hat Schmidt schon, wenn auch vorwiegend eine negative. Wenn wir hier einiges von dem zusammenstellen, was er im Laufe der Jahre über Goethe geschrieben hat, so nur aus anekdotischen und nicht etwa aus denunziatorischen Gründen. Denn erstens ist eine Beziehung, wie Schmidt sie zu Goethe hat, immerhin etwas viel Lebendigeres als die andächtige Gleichgültigkeit, die Klassikern meistens zuteil wird. Und zweitens wäre es sowieso lächerlich, einem Preisträger unbedingte Ehrfurcht vor dem Namenspatron eines Preises abzuverlangen; auch die Statuten des Goethe-Preises verlangen vernünftigerweise nicht, daß lediglich Goethe-Verehrer ausgezeichnet werden dürften, sondern nur, daß die Preisträger "dem Andenken Goethes würdig" seien. Ob irgend jemand einen Preis zu Recht bekommt, dafür gibt es ja sowieso keine absoluten Maßstäbe; die ganze Frage, die in sich die Frage nach einer verläßlichen Hierarchie in geistigen Dingen birgt, läßt man besser zugunsten profanerer Erwägungen dahingestellt: In der Literatur gibt es keine Bundesliga, und Preise sind eine Lotterie. Sicher ist, daß Arm Schmidt, heute durch Krankheit in seinem vormals stupenden Arbeitseifer eingeschränkt, die 50 000 Mark des Goethe-Preises sehr gut gebrauchen kann.

Arno Schmidt über Johann Wolfgang von Goethe: