Es wird jedem einleuchten, daß einem Menschen, der im Ausland lebt, das Herz höher schlägt, wenn seine Heimat in demoder jenem Sinne als vorbildlich bezeichnet wird. Gleich geht man geschwellter Brust einher. Man fühlt: Man ist wieder wer! Es muß ja nicht des letzten Kaisers stolzer Spruch sein: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!" Was Madame Marthe Richard und Mademoiselle Jacqueline Trappler sagten, war auch nicht schlecht. Es deutet in dieselbe Richtung: Manchen wir’s den Deutschen nach!

Interessante Persönlichkeiten – diese beiden französischen Damen! Madame Richard hat 1946 als Abgeordnete im Palais Bourbon ein Gesetz vertretenund durchgebracht, das die Schließung der "öffentlichen Häuser" verfügte. So ging sie durch das "Gesetz Richard" in die Geschichte ein. Aber moralisch ist vielleicht noch höher zu werten, daß sie heute als heitere und verantwortungsbewußte alte Dame widerruft, was sie im besten Frauenalter parlamentarisch leistete. Heißt es nicht in jedem Lesebuch Sich selbst besiegen, ist der schönste Sieg?

Also sagt Madame Richard heute: "Wir haben eingesehen, daß man die Prostitution nicht verhindern kann. Und wir wissen, daß kontrollierte Prostitution das kleinere Übel ist." Und in diesem Bezug kam auf das deutsche und speziell hamburgische Beispiel des "Eros Center" die Rede. "Ja", sagte Madame Marthe, "dies ist im Augenblick die einzig akzeptable Lösung!"

Und nun zu Mademoiselle Trappler! Sie ist jung und verdient in Mülhausen ihr Brot als "Péripatéticienne". Das heißt: Fräulein Trappler trappelt, trippelt hin und her in dieser zweitgrößten Stadt des Elsaß, und da es ihr an Energie und Intelligenz nicht fehlt, hat sie sich in ihren Mußestunden einer Art von Verbandspolitik zugewandt, indem sie eine Fachorganisation der "Petites Soeurs des Coeurs" ins Leben rief, eine Vereinigung der "kleinen Herzens-Schwestern". Ferner hat sie die Berufsbezeichnung der "Hostessen" in "Erostesses" abgewandelt. Das harte Wort von "Nutten" existiert da nicht. In ihren Reihen sollen Beziehungen zu Zuhältern nicht mehr geduldet werden. Herzens-Schwestern lieben nur Herzensfreunde, die sich selber ernähren: So will es das Statut.

"Im übrigen wollen wir nichts anderes", so fordert Jacqueline, "als vollgültige, berufstätige Bürgerinnen werden. Wir erheben also Anspruch auf Pension, aber wir wollen dafür auch Steuern zahlen. Wenn das Gesetz etwas für uns tut, so werden wir unser Geld in Frankreich investieren, anstatt es im Ausland zu placieren. Und Gott weiß, daß mancher Generaldirektor uns um unsere Einkünfte beneiden könnte!"

Und weil Jacqueline Trappler so ehrlich, so idealistisch, so sozial gesinnt ist und weil man heutzutage mit der Macht der Gewerkschaften rechnen muß, sollen ihre Forderungen nicht im Leeren verhallen. Zumindest hat Madame Marthe Richard, die ihren 46er Irrtum einsah, sich bekehrte und sozusagen aus einer Saula eine Paula-wurde, öffentlich erklärt, sie, sei mit der Herzens-Oberschwester Jacqueline durchaus d’accord, eines Sinnes also: einverstanden. Und beide Damen plädieren, daß zunächst in Mülhausen ein "Eros Center" entstehen solle. Nach deutschem Vorbild!

Eros um des Eros willen. Denn was heißt "deutsch"?

"Deutsch sein", so sagte Richard Wagner, "heißt: eine Sache um ihrer selbst willen tun." Von Pensionsberechtigung hat er nichts gesagt. Das ist neu.