Aus der Vorgeschichte des sowjetischen Einfalls in die ČSSR

Von Eduard Goldstücker

"Dies alles erinnert allzusehr, an eine Methode, von der wir glaubten, daß sie endgültig der Vergangenheit angehöre. In den dreißiger Jahren bis zum Tode Stalins war an Stelle der Diskussion mehr und mehr die Verdächtigung getreten. Jede Meinung, die von der sanktionierten abwich, wurde nicht sachlich widerlegt, sondern als mit dem Marxismus unvereinbar, als vom Klassenfeind eingeschleppt, als Flagge des Kampfes zur Verfolgung antikommunistischer politischer Ziele denunziert. Auch auf solche Restbestände alter Methoden hinzuweisen, scheint mir notwendig, da wir einer Periode weitreichender internationaler Diskussionen entgegengehen und einer Atmosphäre ungetrübter Freimütigkeit bedürfen."

Diese Worte von Ernst Fischer, die im Herbst 1963 als Antwort auf den Angriff Alfred Kurellas gegen die Kafka-Konferenz (am 27./28. Mai auf Schloß Liblice bei Prag) geschrieben wurden, sind heute von melancholischer Aktualität. Der Streit um Kafka ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt des Kampfes um die Befreiung des Marxismus aus der stalinistischen Gefangenschaft und von den stalinistischen Deformationen, er spiegelt aber das wider, um was es in diesem Kampf geht, und welche Methoden hier benutzt werden.

Schon bei der Tagung in Liblice hatten manche Teilnehmer aus der DDR gemeint, Kafka sei zwar ein bedeutender Künstler gewesen, habe jedoch der sozialistischen Welt nichts zu sagen und müsse nur als historisches Phänomen betrachtet werden. Alfred Kurella ging in seiner Attacke, die zwei Monate nach der Konferenz veröffentlicht wurde, noch darüber hinaus: Er deutete an, wenn auch noch verhältnismäßig dezent, jene seien Revisionisten, die da behaupten, Kafka sei auch für die sozialistische Gesellschaft, in der die Entfremdung des Menschen noch nicht überwunden wurde, aktuell. Er hat ihnen vor allen vorgeworfen, daß sie die marxistische Philosophie mit dem Existentialismus verheiraten möchten. Mit Entsetzen wurde in der DDR der bloße Gedanke abgelehnt, daß dort oder in anderen sozialistischen Ländern die Entfremdung des Menschen existieren könnte.

Kurz danach erschienen auch andere Angriffe und Unterstellungen, vorwiegend genährt aus DDR-Quellen. Ein abgestellter tschechischer Literat schrieb quasi scherzhaft, daß die Prager Kafka-Anhänger das Museum des tschechischen Klassikers Alois Jirásek abschaffen und es durch ein Museum Franz Kafkas ersetzen möchten. Im Oktober 1963 veröffentlichte das Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, der Philosoph L. Mátray, einen wissenschaftlichen Aufsatz mit der Überschrift "Kafka – unsere Flagge?", eine Äußerung, die ich angeblich gemacht haben sollte. Während der Diskussion im Verband ungarischer Schriftsteller habe ich mich in seiner Gegenwart gegen diesen Blödsinn verwahrt, worauf sich Matray entschuldigte, mit der Begründung, er sei falsch informiert gewesen.

Ich schildere diese Kleinigkeiten als Beispiele des dogmatischen eindimensionalen Denkens, wonach sich die Literatur einer Gesellschaft nach einem einzigen Muster richten soll und wonach Kafka lesen auch seine Weltanschauung übernehmen hieße.