Indien und Pakistan haben in der vergangenen Woche den 26. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von England mit sehr gedämpften Tönen gefeiert. Eine Flutkatastrophe hat in Pakistan und Nordindien schwere Schäden angerichtet, die in beiden Ländern die Milliardengrenze bereits überschritten haben. Als drittes Land ist Bangla Desh betroffen; dort steht knapp ein Viertel des Staatsgebietes unter Wasser. Rund eine Million Menschen mußten vor dem Wasser fliehen oder zusehen, wie die Reisfelder ausgewaschen und zerstört wurden.

Für Bangla Desh ist es bereits die dritte Überschwemmung dieses Jahres. Bei den zwei voraufgegangenen Hochwassern war schon einmal ein Großteil der Ernte vernichtet worden; die Versorgung des Landes ist wiederum gefährdet.

In Indien war der Monsunregen im vorigen Jahr ausgeblieben; die Folge war eine bedrohliche Lebensmittelverknappung, die Ministerpräsidentin Indira Gandhi zu Androhungen "drastischer Aktionen" gegen alle Schwarzmarkthändler veranlaßte. Die Preise für Getreide und Fleisch stiegen im vergangenen Jahr um rund 25 Prozent; trotz aller Kontrollen konnten Hamsterkäufe nicht unterbunden werden. Auf einer Fläche von 1,5 Millionen Hektar muß jetzt mit Ernteschäden von rund 125 Millionen Mark gerechnet werden.

Pakistan macht die schlimmste Flut-, katastrophe seit 25 Jahren durch. Etwa ein Fünftel des bestellten Ackerlandes ist bedroht, die Schäden an Gebäuden, Feldern und Vieh werden auf etwa eine Milliarde Mark geschätzt. Das Bruttosozialprodukt, 1972 noch um gut sechs Prozent gestiegen, wird 1973 kaum die Höhe des Vorjahres erreichen.

In allen drei Ländern sind mindestens 2000 Menschen ertrunken, eine Million obdachlos geworden.

Die ungewöhnlich heftigen Monsunregenfälle hatten in der zweiten Augustwoche eingesetzt und zu Rekordniederschlagen am Südhang der Himalaja-Kette von Kaschmir bis Assam geführt. Hinzu kam eine verstärkte Schneeschmelze im Hochgebirge. Zuerst trat der Chenab über die Ufer; durch die Überschwemmungen im Einzugsbereich des Indus und seiner Nebenflüsse wurden Kaschmir und der Pandschab beiderseits der indisch-pakistanischen Grenze besonders hart betroffen. Knapp zwei Wochen später gab es riesige Überschwemmungen in der Provinz Sind. Das Wasser hat weite Landstriche in Seen verwandelt; die unterbrochenen Transportwege erschweren die Versorgung der abgeschnittenen Bevölkerung. Inzwischen ist eine weltweite Hilfsaktion angelaufen.

Für Indien und Pakistan bedeutet die Flut eine zusätzliche Erschwerung der angespannten innenpolitischen Lage. In Indien hat sich, durch mehrere kleine Skandale und–tatsächliche wie unterstellte–Korruptionsfälle ein allgemeines Mißbehagen, über die Regierung Gandhi breitgemacht. Politische Provinzgrößen haben sich gegen Neu-Delhi erhoben; die Regierungspartei leidet unter zahlreichen Fraktionskämpfen. Als größte Bedrohung wird freilich die akute Wirtschaftskrise angesehen: Das Pro-Kopf-Einkommen in Indien bleibt unter dem Vorjahresstand.

In Pakistan ist der ehemalige Präsident Bhutto zwar regulär zum Premierminister gewählt vorden; der von ihm verkündete "Aufbruch in die Demokratie" stößt sich aber hart mit der Verhaftungswelle in der an Afghanistan grenzenden Provinz Belutschistan. Bhutto hat es offenbar darauf abgesehen, die hier noch starken Stammesverbände aufzusprengen und die unangefochtene Herrschaft der Awami-Partei auch auf dieses Gebiet auszudehnen.