ZDF, Sonntag, 19. August: "Wallfahrt nach Lourdes", von Ule Eith

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise, sagte, über die Bahnsteige des westfälischen Münster hinweg, eine Lautsprecherstimme: ein freundlich-routiniert gehandhabten Service, der sich im Angesicht der Krüppel und Geisteskranken, Rollstuhlfahrer, Bettlägerigen und idiotischen Grinser in baren Hohn verwandelte. Hier waren arme Leute unterwegs, Fromme, Trostbedürftige, Wallfahrer, die mit der Bundesbahn nach Lourdes aufgebrochen waren (wie einst, unter gleichen Zeichen und dem gleichen Ritual, nach Epidauros: seit Tausenden von Jahren im Banne einer heilsbringenden, gemeinschaftsstiftenden Anstrengung), Menschen, die in bewegender Rede die kühlende Kraft des Lourdes-Wassers beschworen (frisch wie am ersten Tag), Pilger, denen ein Priester das Wunder von Lourdes als ein vom Willen zur Selbsteröffnung getragenes factum divinum zu verdeutlichen suchte.

Man sah gekrümmte Glieder, das wilde Zucken um den Mund, die verzweifelte Hoffnung der Alten, sah den Devotionalien-Ramsch des Wallfahrtsorts, den heidnischen Aufzug, die schauerliche Narretei nahe der Grotte Massabielle, in der Bernadette einst die schöne, in einen Schleiermantel gehüllte Dame zu erkennen glaubte. Aber es wäre gelogen, wenn der Betrachter am Bildschirm behauptete, daß er, angesichts des geballten Elends und all der verwegenen, in rührender Sprache artikulierten Volksfrömmigkeit, Worte wie heidnisch oder närrisch ohne Bedenken hinschriebe: Da bedarf es schon des Rekurses auf die Reformatoren, auf Zwingli ("Wallfahrten sind nicht allein närrisch, sondern auch antichristlich") und Calvin; da gilt es, sich zu vergegenwärtigen, daß, wenn irgendwo, gerade an den Wallfahrtsorten Macht ausgeübt wird: Lourdes, das nationale Heiligtum der Franzosen; Fatima, das Bollwerk des Antikommunismus; das Wunder über dem Gave als Bestätigung des Lehrsatzes von der unbefleckten Empfängnis Mariens – jedes bestätigte Wunder als ein neuer Beweis, daß es mit der These von der immaculata conceptio seine Richtigkeit hat.

Das war das Erregende an diesem Film von Ule Eith, daß er ohne ein einziges kommentierendes Wort, allein durch die Demonstration der armen Kreatur und den optischen Nachweis einer religiösen Inszenierung großen Stils Dialektik ins Spiel brachte: Wunderglaube, fromme Bistros, heilige Souvenirs, gebenedeite Wässerchen, die uralte Zauberlitanei von Epidauros und Loreto, Mekka und Tschenstochau alles fügte sich zusammen: Der Betrachter am Bildschirm sah nicht nur, zwischen Aufbruch und Heimkehr, die Gesichter der Geduldigen; hinter den Krüppeln und den Barmherzigen Schwestern, den Opfern und Samaritern sah er auch die Priester und Leviten: Lourdes – das Unternehmen einer florierenden Branche (auch die Touristik profitiert); Lourdes, ein Ort, an dem kühle Rechner vom Schlag des Mariologen Pius XII. die Geschäfte der kleinen Bernadette besorgen, wie sie sie verstehen ... in großem Stil, imperial, dogmatisch.

Ein Film, der, da er die Abhängigen in ihrer Abhängigkeit vorführte, hinter den liebenswerten Zügen der ecclesia sub cruce auf die Fratze der ecclesia militans verwies (man sah sie nicht, sie drängte sich e contrario auf): Macht und Ideologie, Profit und Verbreitung von Unwissenheit. Festhalten an der eingedrillten Litanei: Groß ist die Diana von Ephesus. Momos