Die Lüge begann in der ersten Minute: Will Quadflieg, als elisabethanischer Schauspieler kostümiert, stieg aus der Versenkung herauf, durchschritt schwungvoll die fast leere Riesenbühne der Felsenreitschule, postierte sich an der Rampe und sprach den Prolog: "So laßt uns arme, fadenscheinige Komödianten ..."

Ein Mime aus der Provinz, der eine kleine, elende Schauspielertruppe anführt: So vielleicht hatte sich Strehlers Phantasie die Figur gedacht, die er alsPrologus und ständigen Kommentator, zu Shakespeares Massakerspiel von "Heinrich VI." hinzuerfunden und deren Text er auf vielerlei weltbetrachtenden Sentenzen aus mehreren Shakespeare-Tragödien ("Heinrich V." und "Macbeth", "Richard II." und "Timon") zusammengebastelt hatte. Doch Elend durfte in Salzburg nicht sein: Quadflieg, wohl der schönste unter Theaterdeutschlands Schönsprechern, entlockte seiner Stimme lauter kostbar ^klingenden Prunk. Kein Herr über "fadenscheinige Komödianten" agierte dort, sondern der Herr Intendant eines deutschen Hoftheaters.

Und so folgte Lüge auf Lüge. "Eure Gedanken sind’s", sprach Quadflieg zum Publikum, "die unsre Könige in Gold und Purpur kleiden müssen." Doch in Strehlers Salzburger Shakespeare war für die Phantasie genausowenig Platz wie für das Elend. Obwohl auf einer fast leeren Bühne veranstaltet, war dies die am wenigsten asketische, die ausführlichste und opulenteste Veranstaltung, die das deutschsprachige Theater in den letzten Jahren riskiert hat – Theater, das der Phantasie der Zuschauer keinen Raum ließ, weil es, in die Pracht und in sich selbst verliebt, ein Stück in "Gold und Purpur" erstickte.

"O du Profit!" hat Kommentator Quadflieg einmal zu klagen – und dies war der kurioseste Moment der ganzen Aufführung. Denn Quadflieg intonierte das genauso, genauso hohl, genauso baritonal wie alle seine Soloarien, mit jenem Wohlgetön, das unterschiedslos auf alle Verse der Weltliteratur paßt. Ob es "o du Profit!" heißt, ob "o Welt!" oder gar "o Mensch!": Vor Quadfliegs Schöngesang wird alles gleich.

Quadfliegs Auftritte waren eine Katastrophe und ein Symbol. Eine Katastrophe, weil Shakespeares Monologe, aus ihrem Stück und ihrer historischen und dramaturgischen Umgebung herausgerissen, plötzlich wie die platteste Allerweltsphilosophie klangen. Ein Symbol, weil dies ("Will. Quadflieg rezitiert Shakespeare") nur eine, vielleicht die peinlichste Soloveranstaltung war an einem Theaterabend, der aus Soloveranstaltungen bestand. Der Krieg der Rosen: In Salzburg wurde daraus die Schlacht der Solisten.

Der Salzburger Traum vom Welttheater: In diesem Jahr wollte man nicht nur große Oper präsentieren, sondern endlich einmal wieder auch im Schauspiel Theatergeschichte schreiben. Zur Erfüllung des Traums wählte man den gebräuchlichsten, den von der Oper her erprobten Weg: den Großeinkauf. Also steht nun auf der Bühne der Felsenreitschule (so war es in vielen ergriffenen Vorberichten zu lesen) das teuerste Ensemble, das es je auf einer deutschen Bühne gegeben hat, angeführt von einem der berühmtesten und teuersten Regisseure unserer Zeit.

Doch auch dieser Satz ist eine Lüge: Kein Ensemble nämlich steht dort, sondern sein trauriges Zerrbild. Schauspieler, die keine Sprache mit einander verbindet, die gestisch nicht miteinander kommunizieren können, die dauernd (teils desinteressiert, teils aggressiv) einander zu überbieten, zu überbrüllen suchen. Das Fazit nach zwei Abenden ist so ernüchternd wie tröstlich: Welttheater läßt sich nicht kaufen.