"Bertrand Russell", von A. J. Ayer. Wenn der bekannteste lebende englische Philosoph über den bedeutendsten englischen Philosophen seit Hume schreibt, dann dürfen nicht nur Freunde der englischen Philosophie auf interessante Lektüre hoffen. Um so enttäuschender ist dieses Buch. Es besteht aus der Wiederholung bekannter Lebensdaten und aus einer versuchsweisen Kurzfassung von Russells philosophischen Lehren. Beides ist mißlungen. Für die Biographie wäre ein guter Schreiber geeigneter gewesen als ein bedeutender Philosoph (der noch dazu schlecht übersetzt worden ist); und am besten liest man das alles in Bertrand Russells eigener Autobiographie nach Schwerer zu erklären ist, warum Ayer auch bei der Präsentation von Russells Philosophie so weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Einer der Gründe dafür ist gewiß, daß er sich nicht darauf beschränken kann, Russells Überzeugungen wiederzugeben, sondern daß er auch eine Kritik dieser Überzeugungen mitliefert. Das verführt – vermutlich unbewußt – dazu, Russells Überlegungen nicht immer in ihrer einleuchtendsten, am schwersten widerlegbaren Form mitzuteilen. Dadurch wird die Sache nicht falsch, aber ungeheuer kompliziert. Der Autor nimmt für sich in Anspruch, "eine Darstellung von Russells Philosophie in ihrem ganzen Umfang zu geben, so daß sie auch Laien verständlich bleibt". Auf 100 Oktavseiten ein tollkühnes Unterfangen. Und es klingt dann so: "...in allen Fällen, in denen man das gleichzeitige Auftreten von As und Bs beobachtet, kann man auch immer ein anderes Ding B finden oder konstruieren, das dem A in allen Fällen, in denen sein Auftreten beobachtet wird, dieselbe Eigenschaft wie B zuschreibt, aber für die unbeobachteten Fälle von A dem A eine Eigenschaft beimißt, die mit B nicht verträglich ist." Arme Laien! Auch Fachleuten machen solche Sätze, von denen das Buch voll ist, Kopfschmerzen. Beide sind gut beraten, statt dessen Russells philosophische Ansichten bei Russell selber nachzulesen. Es liegen inzwischen ja schon erfreulich viele seiner Werke auf deutsch vor. Sie lesen sich viel leichter, die Übersetzungen sind meistens auch besser. Freilich: mit 100 Seiten kommt man da nicht weit, (dtv Moderne Theoretiker 935, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 139 S., 4,80 DM.) Rudolf Walter Leonhardt

"Immer Ärger mit den Frauen", von Carl Brinitzer. Das Buch trägt den Untertitel "Juvenals Schwarzbuch für Heiratslustige, Flitterwöchner und Scheidungskandidaten" und ist eine Prosa-Bearbeitung der Sechsten Satire von Decimus Junius Juvenalis. Keine schlechte Idee, die achtzehn Jahrhunderte alte Satire in eine moderne, flüssig; Sprache zu übertragen, um sie in ihrer ganzen Aktualität denjenigen Lesern näher zu bringen, die sich von klassischer Metrik und von der Notwendigkeit, Fußnoten mitzulesen, sonst abschrecken ließen. Leider ist es keine Übertragung. Juvenal hat 661 Verse geschrieben, Brinitzer fünfeinhalbmal soviel. Er hat die Satire zerredet, die altrömische Realität um einige Attribute wie Soziologie und APO bereichert, die Sprache vulgarisiert und die Witze schmalziger gemacht – im Vergleich zu den bekannten Übersetzungen, das Original war gar nicht prüde. Das Ganze mutet an wie eine populäre Fassung für diejenigen Veteranen der römischen Legionen, die noch heute leben. Neben der karnickelhaften Vermehrung der Worte, die in keinem Verhältnis zur Bereicherung des Inhalts steht, ist die "Aktualisierung" die größte Sünde des Buches: Das Geheimnis der dauerhaften Wirksamkeit einer Satire besteht darin, daß sie fest in der konkreten historischen Wirklichkeit verwurzelt ist. Wie der Verlag mitteilt, entstand dieses Buch "aus langjähriger Beschäftigung mit antiken Autoren". Die antiken Autoren können nichts dafür, daß man sich mit ihnen schon so lange beschäftigt. (Claassen Verlag, Düsseldorf/Hamburg; 205 S., 20,– DM.)

Gabriel Laub

"Tödliche Fiesta", Roman von Alistair MacLean. Zur Dschungelmoral hat MacLean ein ähnlich unbefangenes Verhältnis wie der selige Bond-Vater Ian Fleming. "Das Gesetz verliert genau vor meiner Zimmertür seine Gültigkeit", belehrt sinnigerweise Polizei-Major Sherman einen Hascher. "Aber hier drin gibt es auch ein Gesetz. Töte oder stirb." Das ist ein Zitat aus dem Rauschgift-Thriller "Souvenirs", dem vorletzten Märchenbuch MacLeans. Mit "Caravan to Vaccares" präsentiert der Autor hier einen Politkrimi, an dem gemessen "Agenten sterben einsam" oder "Der Satanskäfer" geradezu Kabinettstücke erzählerischen Raffinements waren. Wie alljährlich ziehen die Zigeuner durch die Provence in die Camargue. Aber einige haben anderes im finsteren Sinn als ihre Schutzheiligen. Sie kommen aus Ungarn und Rumänien. Weil die Kommunisten so abergläubisch sind "wie alle andern, sogar noch mehr", haben sie keine Ausreiseprobleme. Und so können sie unbehindert drei "Raketentreibstoffexperten" – an die Wand eines Wohnwagens gefesselt – in den Westen entführen, inclusive Ehefrauen. An der Mittelmeerküste wartet schon ein chinesischer Frachter, natürlich vergeblich ... Verfolgungsjagden, Folterszenen und ein paar einfallsreiche Lektionen in Mord und Totschlag erfüllen auch extravagante Ansprüche. Geheimdienstchef Duc de Croytor (der Leser soll in ihm den Boß der Zigeunerbande vermuten) wälzt sich als ewig mampfender Falstaff dem Happy-End der Klamotte entgegen. (Aus dem Englischen von Georgette Skalecki; Lichtenberg Verlag, München; 256 S., 19,80 DM.)

Egbert Hoehl