Neu in Museen und Galerien

Dortmund Bis zum 30. September, Museum am Ostwall: "Russische Kunst der Gegenwart – Graphiken der Avantgarde"

Was Frau Furzewa in Moskaus Kultusministerium verordnete, hatte Eugen Thiemann während der deutsch-sowjetischen Kulturtage in Dortmund (und darüber hinaus), vom 13. Mai bis 13. Juni dieses Jahres, kommentarlos in seinem Museum am Ostwall als die offizielle Kunst in der Sowjetunion zu präsentieren: realistisch, sozialistisch, optimistisch, russischen und sowjetischen Realismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Jetzt will Thiemann mit der kompletten Kollektion, die er bereits 1970 nach einer Ausstellung in der Kölner Galerie Gmurzynska aufkaufte, diesen verengten, aber offiziellen Blickwinkel korrigieren, ergänzen – durch etwa sechzig graphische Blätter von acht Mitgliedern der Lew-Nusberg-Gruppe "Dwishenije" ("Bewegung") und sieben anderer Gesinnungsgenossen aus dem Moskau unserer Tage im Geist der konstruktivistischen Gründergeneration der zwanziger Jahre. Nachdrücklich wird dazu allerdings angemerkt, daß es sich hier nicht um Moskauer "Underground" handele. Die Gruppe "Bewegung" hat nämlich sogar gewisse beratende Funktionen bei Fragen der Moskauer Stadtplanung. Die offizielle Propagierung nach außen bleibt ihr jedoch – nach wie vor – versagt. Aber die allein möglichen Privatinitiativen haben die Nusberg-Gruppe inzwischen auch im Westen zum Diskussionsgegenstand gemacht.

Klaus U. Reinke

Karlsruhe Bis zum 28. Oktober, Badisches Landesmuseum: "Bilderbogen – Deutsche populäre Graphik des 19. Jahrhunderts"

Geschätzt und gesammelt nur von einigen Liebhabern, galten die Erzeugnisse der Massenkunst des vergangenen Jahrhunderts bis vor kurzem noch als kulturgeschichtliche Kuriosa, die hübsch anzusehen waren, aber keine besondere Beachtung verdienten. Erst mit dem neubelebten Interesse für die Kunst des 19. Jahrhunderts (und die Trivialkunst überhaupt) gerieten auch die Bilderbogen ins Blickfeld der Forschung und der Ausstellungsmacher. "Man kann von einer Wiederentdeckung des Bilderbogens sprechen", schreibt der Kunsthistoriker Klaus Lankheit, aus dessen Sammlung die Karlsruher Blätter stammen. Das ist ohne Zweifel richtig. Nicht ganz geklärt ist bislang allerdings, ob diese erbaulichen, martialischen, moralischen und reportageartigen Darstellungen nun mehr aus zeitdokumentarischen, soziologischen oder ideologiekritischen Gründen aufmerksam betrachtet und untersucht werden. "Brauchbar" sind sie auf jeden Fall, welchen Ansatz auch immer man wählt, denn nirgendwo sonst wird man besser unterrichtet über Formen und Inhalte der "Kunst", die den kleinen Mann erreichte. Kunst mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt, weil diese Art von Massengraphik im Grunde keinen Kunstanspruch erhoben hat, andererseits jedoch mit den Mitteln der Kunst operierte. Der ursprünglich funktionale Aspekt des bescheidenen Wandschmucks, seine Aufgabe, zu informieren (man kann sogar sagen: in gewisser Weise zu bilden), politische und sittliche Verhaltensmuster einzuprägen, wird heute durch den ästhetischen Aspekt überlagert – durch das Schauvergnügen an Erinnerungen aus Urgroßvaters Zeiten. Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen