Von Hayo Matthiesen

Im Saarland "ist die Situation traurig", in Schleswig-Holstein "schwierig"; in Bremen ist sie wie in Berlin "zum Teil angespannt", in Baden-Württemberg "durchaus nicht rosig" – so äußern sich Kultusministerien über den Lehrermangel zu Beginn des Schuljahres ’73/74, und ähnlich ist es in den anderen Bundesländern auch (siehe Kasten).

Es ist die bekannte Litanei, nur daß diesmal die verantwortlichen Politiker selber Zahlen nennen, während noch vor zwei Jahren, zum Schulanfang ’71/72, aus manchem Ministerium Meldungen lanciert wurden, die von "Lehrerschwemme" und "Lehrerbergen" berichteten. Das ist den Bildungspolitikern gar nicht bekommen, denn die Finanzminister erkannten natürlich sofort, daß bei einem Pädagogenüberschuß neue Planstellen nicht nötig sind, und strichen sie zum Teil rigoros zusammen. So machten zwar im Saarland im letzten Jahr 200 Absolventen der Pädagogischen Hochschulen ihr Examen, aber für sie gab es nur 80 freie Planstellen an den Grund- und Hauptschulen.

Ob die Zahlen aus den Ministerien stimmen, weiß niemand; da sie offiziell sind, ist Vorsicht geboten, und zumindest sind sie umstritten, wie das Beispiel Hamburg zeigt. Dort räumt der Schulsenator Günter Apel zwar ein, daß an den Gymnasien fast elf Prozent Lehrer fehlen, doch die CDU-Opposition weiß es anders: Ein Viertel der Stellen soll nicht oder nicht mit dafür ausgebildeten Lehrern besetzt sein. Apel: "Eindeutig falsch."

Zutreffend dagegen scheint nach einem Überblick über die Bundesländer die folgende Tendenz zu sein: An den Sonder- und Berufsschulen, die sich ja ohnehin im bildungspolitischen Schatten befinden, ist die Lage weiterhin ziemlich kritisch; für die Lehrlinge werden nach einer Berechnung des Bundesarbeitsministeriums auch 1980 noch 25 000 Lehrer fehlen, wenn das Berufsgrundbildungsjahr eingeführt wird, was zum Programm aller Parteien gehört. An den Grund- und Hauptschulen wird es langsam erträglicher, weil geburtenschwächere Jahrgänge eingeschult werden und weil die Übergangsquote zu Real- und Oberschulen steigt. Dagegen wird es an den Realschulen und Gymnasien zunehmend schlechter, weil sich der sogenannte Schülerberg in die weiterführenden Schulen verlagert und auch die Durchlässigkeit besser funktioniert, so daß mehr Real- und Hauptschüler in die Gymnasien kommen.

Gegen den Notstand im Gymnasium lassen sich die Ministerien auch einiges einfallen. In Hamburg unterrichten gegenwärtig 41 Amerikaner, vor allem in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, in Bremen sind es 30 und in Nordrhein-Westfalen sogar 370 britische und amerikanische Lehrer, bei denen etwa 30 000 Kinder lernen. Neue Gastlehrer werden demnächst wohl aus dem Norden kommen, denn die Hamburger Schulbehörde plant, Gymnasiallehrer in Schweden anzuwerben, wo gegenwärtig Pädagogen arbeitslos sind, weil in den letzten Jahren zu viele ausgebildet wurden.

Daß auch in der Bundesrepublik schon bald genügend Lehrer vorhanden sind, wird immer wieder behauptet. Hessens Kultusminister Ludwig von Friedeburg glaubt, "Licht im Tunnel" zu sehen: "Die Kultusminister sagen zwar immer, im nächsten Jahr wird es besser, aber diesmal stimmt es." Und das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in Bonn sagt in einer Arbeitsmarktanalyse eine kommende "Überschußsituation" bei den Lehrern voraus. Ähnlich urteilt auch die Kultusministerkonferenz, die den Bedarf an Gymnasiallehrern in diesem Jahrzehnt errechnen ließ. Das Ergebnis: 1975 besteht "ein bereits abgeschwächter Lehrermangel", 1980 ein rechnerisches Überangebot.