Von Peter Demetz

Dada wollte die Welt von den Bürden der alten Kust befreien, aber auch die Dada-Revolution war nicht ohne ihren Terror. Dada wußte ganz genau, wie man befreien mußte, und wer nicht dazu gehörte oder die große Emanzipation auf eigene Faust unternahm, der lief rasch Gefahr, kalter Herablassung zu begegnen. Und wenn einer gar aus Hannover zugereist kam, geblümte Krawatten trug und durchaus nicht gesinnt war, Spartakus als letzten Kunstakt zu proklamieren? Kurt Schwitters hatte seine Schwierigkeiten mit Dada: Er kam immer ein wenig zu spät (in der Nachhut der Avantgarde); Talente dritten Ranges (wie Tristan Tzara) nannten ihn einen "Kleinbürger" und "Idealisten"; und wäre ihm Hans Arp nicht mit freundlicher Sympathie entgegengeeilt, er hätte wenige Freunde gefunden.

Oder war dieser akademische Maler, der noch in den ersten Kriegsjahren brave Bauernhöfe mit Birken malte (eben zur Zeit, als die Dadaisten die Welt schon von der improvisierten Bühne ihrer Zürcher Kneipe veränderten), die eigentliche Inkarnation aller Dada-Energie, ohne Hektik, aber mit Heiterkeit, ohne Geschrei, aber im ontologischen Spiel mit den Medien der Graphik, der Architektonik, der Literatur?

Die neue, die erste Gesamtausgabe

Kurt Schwitters: "Das Literarische Werk", Band I: "Lyrik", herausgegeben von Friedhelm Lasch; Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 319 S., Subskr.-Preis 45,– DM

bezeugt uns, wie selten wir uns die Frage nach den Qualitäten der Avantgarde gestellt haben; wer hatte die eigentliche Begabung und Originalität und wer das Geschäftstalent, Literatur zu organisieren?

Ich glaube, Arp und Schwitters haben das Primat der produktiven Energie; die Frage ist, ob man Schwitters überhaupt mit der Dada-Vignette katalogisieren darf, ob er nicht viel mehr und viel weniger ist als Dada?