Es gibt noch Universalgenies. Jean Yanne, vierzig Jahre alt, ist eine besonders fesche Ausgabe dieser seltenen Spezies. Journalistik-Studium, acht Jahre lang Kabarett, Sketch-Autor und Theater-Schauspieler, Showbusiness, Autor und Animator bei den Radiostationen "France Inter", "Europa I" und bei der ORTF, Erfahrungen mit Radio Luxemburg und dem Fernsehen, achtzehn Filmrollen (darunter in Godards "Weekend", Chabrols "Das Biest muß sterben" und "Der Schlachter"), vielbeschäftigter Chansondichter – über zweihundert Lieder hat er geschrieben, "in den letzten Tagen etwa zwanzig neue"; schließlich Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller seines ersten eigenen Films, der letztes Jahr in Paris sofort ein Riesenerfolg wurde und jetzt bei uns anläuft: "Die große Masche" (Originaltitel: "Die ganze Welt ist schön und freundlich").

Inzwischen ist auch sein zweiter Film gestartet ("Moi, y’en a vouloir des sous"), beendet er gerade den dritten ("Les siomois") und schreibt seinen Roman "Die Abenteuer des Robinson Crusoe" zu Ende. Soviel zu dem Universalgenie Jean Yanne.

Sein Debütfilm ist eine Art Abrechnung mit der Vergangenheit, verarbeitet Relikte, Erfahrungen, Fertigkeiten seiner vielen Betätigungen und läuft passagenweise auf ein Selbstporträt hinaus. Yanne schildert die wechselvolle Karriere eines Reporters bei der kommerziellen Anstalt "Radio Plus", deren journalistisches Ethos und Prinzip lautet: Maschen und Gags und möglichst täglich neue Superlative produzieren, ständig neue Hörer einfangen und um jeden Preis halten, nichts senden, das nicht kaschierte Werbung wäre, also Geld bringt.

Die Masche des Augenblicks ist Jesus. Mit Plakaten und Musik, mit Jesus-Sex und Jesus-Power, auf Autos, Straßen und Mädchenbusen wirbt der Sender für sich und seine Devise "öfter mal was Frommes". Die Sängerin zwitschert ein "Telex an Jesus", geile Hörer beichten dem geilen Funkpfarrer ihre heimlichen Wünsche und Untaten, Produkte wie "Shampoo Ölberg-Color", "der leckere Diät-Meßwein ‚Herbfromm‘ vom Heiligen Stuhl", Pastillen. "für den berufenen Mund", BHs "mit geweihten Körbchen" oder "das Bier der frommen Denkungsart Zölibator" werden den Hörern empfohlen. Fazit: "Vom Keller bis zum Speicher macht Gott den Rundfunk reicher."

Die Satire auf den modischen Sakral-Trip vor ein, zwei Jahren, als alle Medien und Kirchen die Tempelkassen klirren ließen und auf der Jesuswelle mitplanschten, hat eine aggressive, treffende Schärfe, ist komisch und engagiert. Doch Yannes Bosheit und Sarkasmus, wo er sie auf den Rundfunkbetrieb ausdehnt, geraten immer drei Nummern zu groß. Dieses Funkhaus ist eine einzige "superdufte" Boutique, eine bumsfidele Diskothek mit lauter flotten Leuten und kessen Bienen, aber auch mit Intriganten, Speichelleckern, Korrupten, Kleingeistern. Je höher die Chargen, desto dümmer und mickriger die Typen. Der infantil-clevere Präsident von "Radio Plus" heißt Axel-Cäsar, kickert am liebsten und schickt im Falle einer Kündigung seinem Programmchef einen Totenkopf mit dem betreffenden Namen darauf.

Auch der Reporter Gerber (Yanne) muß gehen, versucht vergeblich, im "staatlichen Opportunistensilo" der ORTF unterzukommen, hat großen Erfolg mit einem Jesus-Musical und kommt als neuer Programmchef zu "Radio Plus" zurück. Der Film nimmt eine neue Masche des Rundfunks (und des Fernsehens) aufs Korn: "Nach falscher Gläubigkeit echte Wahrheit", verkündet der Boss, läßt Jesus abmontieren und macht den Sender zu einem wahren Laboratorium für Warentests und Konsumenten-Beratungen, von permanenten Service-, Ratgeber- und Lebenshilfe-Sendungen.

Die Gefahr kommerzieller Sender mit ihrem Geblödel und ihrer ideologieträchtigen Verdummung, die Anfälligkeit des Journalismus für jede Mode und Welle, die Ratgeber-Epidemie in allen Medien: eine Fülle wichtiger, sicher nicht auf Frankreich beschränkter akuter Probleme und Trends. Die Art, wie der neue Chef sein Programm macht und propagiert – ganz locker und live, improvisiert, "schnell, objektiv, informativ", mit "Humor und Schwung", "demokratischer Bewußtseinsbildung" verpflichtet – das klingt wirklich genauso wie die Reklame für das ganz neue Fernsehen ab Oktober im ZDF.