Von Dieter Buhl

Richard Nixon ist dabei, auch die siebte Krise seines politischen Lebens hinter sich zu bringen. Mag seine Popularität auf einen neuen Tiefpunkt abgesackt sein, mögen Kongreß und Presse ihm weiter zusetzen – alles spricht dafür, daß der umstrittenste Präsident der jüngsten amerikanischen Geschichte seinem Land und der Welt bis zum Ende seiner Amtszeit erhalten bleibt.

Noch dreieinhalb Jahre mit Nixon leben! Das ist eine bedrückende Perspektive. Sie muß alle diejenigen schrecken, die ihm nicht verzeihen können, daß er im Weißen Haus eine Atmosphäre schuf, in der Einbrüche und Fälschungen, Meineid, Korruption und Spitzelei gediehen. Sie wird den Gerechtigkeitssinn eines jeden beleidigen, dem Macht nicht vor Moral geht.

Aber die Auseinandersetzung um den ersten Mann Amerikas hat ihre eigenen Gesetze. Sie gründen nicht nur auf den hehren Prinzipien, die einst die Gründerväter aufstellten. Ebenso stark bestimmen die profane Einsicht in das Mögliche, die nüchterne Abwägung des Notwendigen die Regeln des Kampfes. Dem Wunsch nach einer rücksichtslosen Aufklärung und dem Drang nach Genugtuung steht die bittere Erkenntnis entgegen, daß das Land unter den gegebenen Umständen nur einen Präsidenten hat: eben Richard Nixon.

Er hat das Dilemma der Amerikaner voll einkalkuliert. In seiner Rechtfertigungsrede der vergangenen Woche übernahm er zwar verbal die Verantwortung für die zahllosen Verfehlungen seiner Administration, aber er hat sich nicht – mea culpa – an die Brust geschlagen. Die Selbstanklage gehört nicht zum Gefühlsarsenal Nixons. Sein Amt für sich zu retten, war ihm wichtiger, als es vom Geruch der Unmoral zu befreien.

Die Rede Nixons – Strich drunter, Schwamm drüber – gab kein Signal zu innerer Einkehr, sondern zur Gegenoffensive. Er appellierte an die schweigende Mehrheit, nun auch seine Gegner zum Verstummen zu bringen. Schon jetzt grassiert, wie Umfragen ergeben, der Watergate-Überdruß. Er wird, das ist zu erwarten, künftig die Bemühungen im Kongreß lähmen, den Präsidenten zur Rechenschaft zu ziehen.

Aber auch wenn ihm öffentliche Anklage und Amtsenthebung nicht mehr drohen – Watergate wird Nixon weiter begleiten. Die Verfahren gegen viele seiner Mitarbeiter werden immer wieder Schatten auf ihn werfen. Mit einer gelähmten und geschrumpften Mannschaft wird er einem selbstbewußteren Kongreß gegenübertreten müssen. Fortan ist er ein Präsident mit gebrochenem Rückgrat.