ZDF, Sonntag, 19. August: "Marlene Dietrich"

Der gleiche Arbeitsanzug wie seit Jahren, diese hauchdünne, hautfarbene, hautenge, erst brustabwärts durch funkelnden Besatz als Kleid verratene Haut; diese riesigen runden wimpernschweren Augendeckel; diese schattenwerfenden Jochbeine und die immer wie gebläht aussehenden Nüstern, und auch dieser Mund – doch seine Bewegungen ähneln nunmehr einem Fisch, der behäbig nach Luft schnappt. Marlene Dietrich, schöne Frau in der Maske eines Vamps – während man ihr. zuhörte und ihr zusah, teils gebannt, bisweilen fasziniert, teils melancholisch oder ungewollt belustigt, blieb ja die Frage an das Lexikon nicht aus: eine Einundsiebzigjährige, mit keinem normalen Maßstab meßbar.

Sie stand auf einer Londoner Bühne und sang fürs Fernsehen. Es war ihre, wie es heißt, erste, gewiß auch letzte Show. Die einzige Showgeste indessen ergab sich nur am Anfang, als sie ein paarmal mit ihrem Pelz ein Rad schlug.

Sie sang ihr altes Repertoire, darunter überraschend viele Lieder, die an Eigenart und an latenter Aktualität fast nichts verloren haben. Ihre Stimme war satt von Sehnsucht nach Vergangenheit, der Abend eine Demonstration der Erinnerung; Aggressivität und Frechheit hatten sich verwandelt in Reflexion und Abgeklärtheit. Manchmal, wenn Marlene Dietrich sparsam und genau, ihre Gesten mit dem rechten Arm, der Hand, den Fingern, einer Kopfwendung anbrachte und dann aufrecht und stramm dem Beifall zusah, wirkte sie wie ein Leutnant in lockigem Haar; manchmal, wenn sie von der feschen Lola, von Johnny oder Lili Marleen sang, zitierte sie sich nur noch selbst: nur noch ihr Echo.

Göttliche Marlene – ist sie am Ende doch sterblich? Manfred Sack