In einem Punkte waren sich alle Beteiligten einig: Das Genie würden sie auch nicht wie ein Kaninchen aus dem Zylinder herbeizaubern können. Ansonsten strahlten sie alle etwas aus, fröhlichen Optimismus die einen, sich ziemende Skepsis die anderen, Empörung die dritten – und sie alle rappelten sich gegenseitig mit Warnungen und frohgemutem "Laßt-es-unsdoch-erst-einmal-versuchen" wieder hoch.

Der Grund für so viel Eintracht in der Retorte: Hamburgs Senator für Wissenschaft und Kunst und die Universität, die Musikhochschule und die Hamburgische Staatsoper haben ein gemeinsames Kind geboren und einen neuen Studiengang mit Studienplan und Lehrveranstaltungen, sogar den Titel für die erfolgreichen Absolventen gefunden. Wenn nichts dazwischenkommt, dürften in vier Jahren die ersten "Diplom-Musiktheater-Regisseure" die Hamburgischen .Ausbildungsstätten verlassen.

Anlaß zu der konzertierten Aktion der Hanseaten ist ein Notstand: "Es gibt zur Zeit in der Bundesrepublik keine systematisch-wissenschaftliche Ausbildung für Musiktheater-Regisseure." Gewißlich nicht, wird man zustimmen, aber haben wir nicht mit diesem Mangel gelebt, solange bei uns Oper gemacht wird, und das dauert nun doch schon rund 375 Jahre? Und: stehen wir da wirklich allein so arm da? In der Tat: In Moskau und Bratislava und Berlin (DDR) gibt es solche "systematisch-wissenschaftliche Ausbildung" – aber hat sie tatsächlich auch zu himmelweit besserem Theater geführt, in Bratislava und Frankfurt (Oder) und Ljubljana?

"Universität und Staatliche Hochschule für Musik und darstellende Kunst kommen damit dem Auftrag des Hochschulentwicklungsgesetzes nach, als Vorstufe einer integrierten Gesamthochschule ,übergreifende‘ Studiengänge zwischen den einzelnen Hamburger Hochschulen einzurichten", heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. Das Studium soll "den angehenden Regisseur befähigen, die ästhetische und gesellschaftliche Funktion des Musiktheaters deutlich zu machen, indem er in der Inszenierung Werktreue und aktuelle Wirkung verbindet, ohne den Extremen totaler Musealität oder modischer Aktualisierung zu verfallen" – ich könnte mir, wenn ich mich der letzten zwei, drei Jahre Opernbesuch erinnere, manch einen hochdotierten Maestro, Intendanten, Wanderregisseur vorstellen, der gut und gern in Hamburg noch einmal von vorn anfangen dürfte. Umgekehrt bleibt zu fragen, welcher internationale Sängerstar sich von einem hergelaufenen "Diplom-Regisseur" sagen lassen wird, wie er in seiner Darstellung, bitte schön, Werktreue und aktuelle Wirkung zu verbinden habe, gesellschaftliche Funktion inklusive.

Den neuen Studiengang werden Theoretiker beider Hochschulen und Praktiker der Staatsoper – hier vornehmlich Intendant Everding, Oberspielleiter Götz Friedrich und die Dramaturgen – betreuen, das deutet auf Solidität hin und trotzdem ausreichenden Freiheitsraum für schöpferische Phantasie. Daß hier nicht nur von "Oper" gesprochen wird, versteht sich am Rande, wenngleich Experimente Kagelscher Art nicht gleich am Anfang stehen werden.

Nicht der Inhalt des neuen Studiengangs also ist es, was ein bißchen skeptisch macht. Nachdenklich stimmt allenfalls die Sicherheit, mit der die Lebenskraft und Fortdauer einer gelegentlich längst totgesagten Gattung nunmehr studienplanmäßig abgesichert und per Diplom bescheinigt wird. Heinz Josef Herbort