Wie ein Fremder ohne viel Geld an karibischen Gestaden leben und dieses Leben genießen kann, beschreibt Jörg Hänel in der IV. Folge seiner Weltreiseberichte. Bisher hatte er seine Erlebnisse auf den Bahamas und in der mexikanischen Provinz geschildert.

Tulum, im August

Amigo, bevor du weiter hinunter in die Bananen-Republik ziehst, mach Station in Tulum. Ruinen mögen wohl imposanter sein in Palenque, Mitla, Chichen Itzá, Teotihuacan, wo aber findest du ein besseres Robinson-Leben – vorausgesetzt, du bringst dir genug Konserven und eine Hängematte mit. Fahr die Straße an den Ruinen weiter, am Leuchtturm vorbei, bis der Pfad nach links abgeht zum Camping "Santa Fé" und "Mirador". Dort knüpfst du in einer palmstrohgedeckten Knüppelhütte deine Hängematte auf. Wenn’s Nacht wird gegen 20 Uhr, schläfst du, wenn die Sonne daumenhoch steht morgens sechs Uhr, liegst du im Meer, und mittags liest du den "kleinen Prinzen" auf spanisch, so lernst du’s am schnellsten.

Weißer Strand endlos. Glasgrünes Wasser bis draußen zum Riff und dann horizontweit.

Brennholz für deine handgegrabene Kochstelle hackst du von einer abgestorbenen Palme. Kokosnüsse schlägst du gleich vis-à-vis. Deliziöse, riesige Conch-Muscheln holst du aus zehn Fuß Tiefe auf halbem Weg zum Riff. Fische harpunierst du vorm Riff. Oder fängst sie mit der Wurfangel vom Strand aus. Oder kaufst sie in Gottes Namen beim Fischernachbarn. Er hat gelegentlich auch Meerschildkröten-Steak. Tortillas und lauwarme Coca gibt’s beim Patron, der gegerbter aussieht und weißere Bartstoppeln hat als Alexis Sorbas. Brackwasser zum Haarwaschen am Brunnen. Trinkwasser am Leuchtturm, mit dem Windrad gepumpt. Am Riff sind wohl auch Barracudas und kleine Haie, passiert sein soll aber noch nichts.

Die Muscheln werden an der Spitze aufgeschlagen, dann kann man mit dem Messer hinein, und sie lösen. Alles Purpurne wird weggeschnitten, als Fischköder ist es gut. Übrig bleibt ein faustgroßer Fleischhappen. Den klopft man zwischen Stein oder Holz weich. Kurz mit siedendem Wasser abbrühen, Limone darüber, das gibt dir den "native-trip", wie die Hotel-Gringos sagen würden, wie aber keiner der Tram-Youngsters sagt, die du triffst und die das "Zurück zur Natur" mit gelassener Selbstverständlichkeit zelebrieren. Vielleicht kommt auch Jacky wieder vorbei, der selbst San Francisco aufgab, um in seinem Wahlland zu leben, und wenn er nicht gerade in Maya-Antiquitäten macht, am liebsten in Tulum steckt.

Und während du in der Mittagshitze in deiner Hängematte liegst, siehst du zehn Meter weiter armlange Leguane. Manche haben eine Haube über dem Kopf und rasen auf den Hinterbeinen davon, wenn du sie verschreckst. Der einzige Wermutstropfen sind nachts die Moskitos, die tagsüber von Bremsen abgelöst werden.