Das Volk will keine deutsche Eigenbrötelei

Von Theo Sommer

Zweifelnde Frage in Paris, zweifelnde Frage auch bei der Bonner Opposition, polemisch überhöht hier wie dort, gleichwohl ernst zu nehmen: Wohin marschieren die Westdeutschen?

Zum einen: Schwimmt die Bundesrepublik nach Osten ab? War die Anerkennung der deutschen Zweistaatlichkeit in Wahrheit nur der getarnte Anfang einer neubelebten Wiedervereinigungspolitik unter antiwestlichem Vorzeichen? Sehen Brandt und Scheel in der Entspannung bloß eine Durchgangsstation zum bündnisfreien Neutralismus? Dies ist die Frage nach der außenpolitischen Verläßlichkeit Bonns.

Zum anderen: Wird nicht die Selbstauslieferung der Bundesrepublik an die Kommunisten unabwendbar, wenn die volksfrontbegeisterten Neo-Marxisten der jungen Linken weiter vordringen – bis die Westdeutschen sich am Ende in schierer Verblendung dem Sozialismus östlicher Prägung in die Arme werfen oder aber, wenn es darauf ankäme, dessen vorwärtsdrängender Wucht keinen freiheitlich-demokratischen Widerstandswillen mehr entgegenzusetzen haben? Dies ist die Frage nach der inneren Rutschfestigkeit unseres Staatswesens.

Lassen wir beiseite, daß jene, die diese Frage seit neuestem mit bohrender Hartnäckigkeit stellen, sich dabei in allerhand Widersprüche verheddern. Das gilt für – die Franzosen, die uns vorwerfen, durch unser – von allen anderen Nato-Partnern geteiltes – Interesse für Verhandlungen über einen beiderseitigen, ausgewogenen Truppenabbau in Europa schwächten wir die amerikanische Präsenz in der Alten Welt, die sich aber gleichzeitig jeder kraftvollen Neuformulierung der atlantischen Ziele heftig widersetzen; die zwar laut Europa rufen, aber sein Entstehen durch dauerndes Bremsen verhindern; die Brandt nachträglich seine Ostpolitik ankreiden, doch ihm für eine durchschlagende Westpolitik keine Chance lassen. Und es gilt auch für die Opposition, die der Regierung einerseits vorwirft, sie tue zu wenig für die Wiedervereinigung, andererseits aber sich nicht scheut, die französische Sorge über die Eventualität eben dieser Wiedervereinigung zu benützen, um das Gespenst des Neutralismus an die Wand zu malen.

Bleiben wir lieber bei der Kernfrage: Wie stark ist die Verlockung des Neutralismus wirklich – in der Regierung, in den Regierungsparteien, im Volk? Wie groß der Drang, aus der westlichen Verankerung in die Bündnisfreiheit auszubrechen?