Spaziergänger in Hannovers Vorort Kirchrode gehen in diesen sommerlichen Tagen mit Vergnügen durch den Parkwald um die Alte Mühle. Am Rande des Wäldchens und zwischen Wiesen liegt abseits ein moderner Gebäudekomplex, dessen Bewohner das Vogelgezwitscher und Entengeschnatter nicht hören und auch die Schönheit der Landschaft nicht sehen: die Taubblinden im Deutschen Taubblindenzentrum, Europas einzigartiger Institution.

Man weiß, daß es in der BRD rund 40 000 Taubstumme gibt, doch wieviel Menschen es gibt, die taub und blind sind, weiß niemand. Zu gräßlich auch erscheint das Schicksal von Menschen, die weder sehen noch hören noch sprechen können. Am besten, sagen sich die meisten, man vergißt das. Dabei, ohne etwas von der Katastrophe eines solchen Schicksals abstreichen zu wollen, zeigt sich in Kirchrode, daß bei entsprechender Therapie und bei engagiertem Einsatz der Erzieher mehr zu erreichen ist, als viele zu träumen wagen.

Beispiel: Michael. Michael ist allerdings eine Ausnahme; denn er hatte das Glück, daß sich seine Eltern bereits mit ihm beschäftigten. Dennoch kam er hierher, ohne ein Wort zu sprechen, ohne auf Geräusche zu reagieren, obgleich er noch Hörreste hatte.

Gegen pädagogische Maßnahmen wehrte er sich mit Beißen und Um-sich-Schlagen. Als sich sein Sehvermögen immer mehr verringerte, war er wenigstens bereit, ein Hörgerät zu tragen, um seine geringen Hörreste auszunutzen. Er lernte, daß sich mit Sprache etwas anfangen ließ. Der Wortschatz steigerte sich. Michael führte seine Hand an den Mund der Erzieherin, fühlte Sprache ab. Seine Erzieherin mit berechtigtem Stolz über ihren gelehrigsten Schüler: "Er hat eine gute Sensibilität für Sprache in den Händen." Michael fühlt heute ohne Hörgerät Sprache ab, kontaktfreudig kommt er auf den fremden Besucher zu, faßt an den Kehlkopf, um das Gespräch abzutasten. Wir unterhalten uns, er fragt und fragt, sein großes Plus vor den anderen.

Werden Kinder blind und taub geboren, so ist meist eine Erkrankung der Mutter (Röteln) während der Schwangerschaft die Ursache. Andere werden blind geboren, ertauben später (oder umgekehrt). Diesen Menschen fehlen die Reize, Kontakt mit ihrer Umwelt aufzunehmen. Ein Ball, ein Holzscheit, für vollsinnige Kinder Anreiz zu spielen, bedeuten einem Taubblinden nichts. Die Dinge um sie her müssen erst reizbar gemacht werden.

Verhängnisvoll für die Kinder, daß sie – wenn überhaupt – so spät in richtige Hände kommen. Denn Intelligenz wird in ihrer Anlage, so namhafte Forscher, bis zum dritten Lebensjahr festgelegt. Ein Junge in Kirchrode, der bis zu seinem fünften Lebensjahr im Säuglingsheim, auf dem Rücken liegend, sein Dasein im Gitterbett fristete, mußte mühsam stehen, laufen, richtig essen lernen.

Taubblinde Kinder können sprechen lernen. Da sie nicht hören, sind sie unfähig, ihre Sprache zu kontrollieren. Deshalb klingt sie eckig, ruppig, rudimentär, zum Teil auch unverständlich. Denn Sprache entsteht durch Nachahmung. Weil sie taub geboren wurden, bleiben sie stumm. Sie waren nie in der Lage, Sprechen nachzuahmen und somit zu lernen. Moderne Therapie kann in vielen Fällen helfen.