Am Montag haben in Bonn Staatssekretär Frank vom Auswärtigen Amt und der stellvertretende tschechoslowakische Außenminister Götz ihre Gespräche über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen fortgesetzt. Beide Seiten vereinbarten Vertraulichkeit.

Umstritten war zu Wochenbeginn nach wie vor die Einbeziehung Westberliner Behörden und Organisationen in den konsularischen Rechtsverkehr. Prag will diese Möglichkeit – in einer engen Auslegung des Vier-Mächte-Abkommens – nur natürlichen, aber nicht juristischen Personen zugestehen. Die Bundesregierung bestätigte am Wochenanfang noch einmal, daß Brandt seine für den 6. September geplante Reise nach Prag zur Unterzeichnung des Normalisierungs-Abkommens verschieben wolle, wenn diese Frage nicht eindeutig geklärt werden könne.

An derselben Streitfrage gerieten am Donnerstag voriger Woche auch die deutsch-ungarischen Verhandlungen ins Stocken. Die Gespräche sollen bald in Budapest fortgesetzt werden.

Die Haltung der Tschechoslowakei.und Ungarns und die Angriffe der DDR und der Sowjetunion auf das Karlsruher Grundvertrags-Urteil deuten nach den Worten des Berliner Innensenators Neubauer auf eine gezielte Kampagne gegen Westberlin. Zwar sei es verfehlt, von einer Krise zu sprechen, aber das Ziel sei doch klar – die im Vier-Mächte-Abkommen verankerten "Bindungen" Westberlins an die Bundesrepublik in ein "loses, unverbindliches Partnerschaftsverhältnis" umzuwandeln.

Dieser Interpretation widersprach am Wochenende Bundesminister Bahr. Die "politische Großwetterlage" sei unverändert gut, von einer abgesprochenen Aktion des Ostblocks könne keine Rede sein. Am Dienstag begannen erste Unterredungen über den Amts- und Rechtshilfeverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten.

Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland hat nach langem Schweigen das Karlsruher Urteil zum Grundvertrag in der vorigen Woche kritisiert. Es sei "revanchistisch" und wolle Ideen wiederbeleben, die schon auf dem "Müllhaufen der Geschichte" lägen. Die Realität lasse keinen Platz für "innerdeutsche Pflichtübungen"; zwischen Bonn und Ostberlin zähle nur, was im Grundvertrag unterschrieben worden sei. Die DDR werde ihren Pflichten nachkommen und erwarte die gleiche Haltung auch von Bonn.