Eine Mitteilung des amerikanischen Verteidigungsministers Schlesinger, die Sowjetunion habe Raketen mit mehreren, unabhängig voneinander in verschiedene Ziele dirigierbaren Atomgefechtsköpfen (MIRV) erfolgreich erprobt, ist für die strategische Balance zwischen Ost und West von geringerer Bedeutung, als der erste Eindruck andeutete. Denn diese "Mirvisierung" der sowjetischen Raketen, wiederholt vorausgesagt, ist die erwartete Folge der gleichen, von den Vereinigten Staaten schon lange vollzogenen Entwicklung. Das amerikanische Arsenal enthält seit einiger Zeit 500 landgestützte Interkontinentalraketen Minuteman III mit je drei und 496 Poseidonraketen mit je zehn bis vierzehn Gefechtsköpfen auf 31 Atom-Unterseebooten.

Nach Schlesingers Darstellung werden die ersten sowjetischen MIR Vs 1975 gefechtsbereit sein; 1979 würden die Russen numerisch mit ihren zu Lande stationierten Mehrfachsprengköpfen gleichziehen. Mitte des nächsten Jahrzehnts könnten sie dann eine "formidable Streitmacht" landgestützter MIRV-Raketen vorweisen; dennoch könne keine der beiden Nationen das Potential zu einem Überraschungsschlag aufbauen, der die Gegenschlagwaffen der anderen Seite völlig ausschalten würde.

Der technische Durchbruch der Russen kann jedoch noch nicht abschätzbare negative Folgen für die Verhandlungen der beiden Supermächte über eine Begrenzung ihrer strategischen Waffen haben; nach den Washingtoner Vereinbarungen zwischen Breschnjew und Nixon hätten die Saltverhandlungen eigentlich im nächsten Jahr zu neuen Ergebnissen in der quantitativen und der qualitativen Limitierung ihrer nuklearen Rüstung führen sollen. Eventuell werden sogar die früheren Abmachungen in Frage gestellt, ehe in der zweiten Saltrunde ein Vertrag zustande kommt. In dem auf fünf Jahre befristeten Salt-I-Abkommen über die offensiven Atomwaffen räumte Amerika der Sowjetunion ein Übergewicht von 2268 Raketen gegenüber 1710 amerikanischen ein – freilich unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß die amerikanischen Waffensysteme an Treffsicherheit und in der MIRV-Entwicklung überlegen blieben. Dieses Übergewicht würde aber zunichte gemacht, wenn die Sowjets nun auch ihre Raketen mit mehreren nuklearen Gefechtsköpfen ausrüsteten.

Dazu stehen der Sowjetunion die gigantischen Raketen SS-18 zur Verfügung, die mindestens sechs Sprengköpfe mit einer Stärke von je einer Megatonne in verschiedene Ziele befördern können, ferner die leichtere Rakete SS-17 mit je vier kleineren Sprengköpfen, außerdem vermutlich drei weitere Trägersysteme, darunter eines für die sowjetischen Atom-U-Boote der Delta-Klasse. Mit ihnen ließe sich, ein Arsenal aufbauen, das zumindest die landgestützten 1050 amerikanischen Interkontinentalraketen in einer Angriffswelle ausschalten könnte.

Das wäre der Übergang zu einer partiellen "Counterforce-Strategie". Aber die "Triade" des amerikanischen Arsenals, bestehend aus Nuklearwaffen unter Wasser, der überlegenen Bomberflotte und den auf dem Lande postierten Fernraketen, ist so zusammengesetzt, daß auch in dem schwer vorstellbaren Fall einer völligen Vernichtung aller Minutemanraketen durch einen sowjetischen Überraschungsschlag noch überreichlich amerikanische Atomwaffen zur totalen Zerstörung der Sowjetunion übrigblieben. Der Ausbau des sowjetischen Arsenals kann allenfalls als Ausdruck des Ehrgeizes verstanden werden, das bisherige Overkill-Potential der Vereinigten Staaten durch eine Superkill-Kapazität der Sowjetunion demonstrativ zu überrunden. Ein eigentlicher strategischer Vorsprung, der den Gegner mattsetzen könnte, läßt sich damit jedoch nicht erzielen. Zudem schaffen sich die Amerikaner mit der beschleunigten Entwicklung ihres Überschall-Fernbombers B-1 und des Groß-Unterseebootes "Trident" den neuen Rückhalt einer erweiterten und so gut wie unverwundbaren Gegenschlags-Streitmacht.

Die Supermächte demonstrieren mit alledem jedoch die Fortsetzung ihres atomaren Wettrüstens. Es zeigt an, wie dünn die Decke des Vertrauens noch immer ist. Das entspricht der Doppeldeutigkeit der zwischen Nixon und Breschnjew am 21. Juni vereinbarten Richtlinien für Salt II. Darin erkannten beide Mächte zwar an, daß etwaige Versuche, sich einseitige Vorteile in der Nuklearrüstung zu verschaffen, mit der Stärkung ihrer friedlichen Beziehungen "unvereinbar" wären, doch behielten sie sich gleichzeitig vor, daß "die Modernisierung und der Ausbau strategischer Offensivwaffen unter Bedingungen gestattet wird, die in den zu schließenden Abkommen formuliert werden". Joachim Schwelien