Von Gerhard Schoenberner

Wie die Annalen der Stadt Pula berichten, ist es nur der Intervention eines Senators namens Emo, Mitglied des venezianischen Stadtrats im 16. Jahrhundert, zu verdanken, daß in den Mauern der antiken Arena alljährlich das jugoslawische Filmfestival und nicht das von Venedig stattfindet. Dieser einsichtige Herr nämlich hat verhindert, daß der im Dogenpalast gefaßte Beschluß endgültig ausgeführt wurde, das gesamte Amphitheater abzureißen und in der Lagunenstadt neu aufzubauen. Ein großer Teil der Steinsitze war bereits abgerissen und als Baumaterial für die Palazzi zum Canale Grande verbracht worden.

Das 20. Festival des jugoslawischen Spielfilms fiel in diesem Jahr zusammen mit dem dreißigjährigen Bestehen einer eigenen Kinematographie in diesem Lande. Ihre Erfolgsgeschichte in den vergangenen Jahrzehnten ist in der Tat mehr als erstaunlich. Nach dem Kriege aus dem Nichts, ohne jede praktische Erfahrung und mit technisch völlig unzureichenden Mitteln begonnen, hat sich der jugoslawische Film in den letzten fünfzehn Jahren international durchgesetzt. Mit einer bemerkenswerten Zahl künstlerisch bedeutender Arbeiten errang Jugoslawien den Ruf eines der interessantesten Filmländer. Seine Beiträge wurden auf allen großen ausländischen Festivals gezeigt, vielfach preisgekrönt und in zahlreiche Länder verkauft.

Sehr viel weniger imposant ist die Bilanz gerade dieses Jubiläums-Jahres. Zum erstenmal seit 1959 sind so wenig Filme produziert worden, daß praktisch alle, vierzehn insgesamt, zur Vorführung in Pula angenommen wurden, um überhaupt das Programm zu füllen. Hinzu kommt, daß nicht einer aus dem knappen Dutzend international bekannter Regisseure, die das Ansehen des jugoslawischen Spielfilms im Ausland begründet haben, mit einer neuen Arbeit vertreten war. Das ist sicher auch eine Folge der massiven Kritik an den sogenannten "schwarzen" Spielfilmen, deren kritische Darstellungen freilich manchmal nicht weniger einseitig waren als die konfliktlosen Heldenepen des Partisanenkampfes und die schönfärberischen Bilder einer angeblich heilen, neuen Welt, gegen die sie sich richteten. Von jugoslawischer Seite wird als Grund für die gegenwärtige Flaute denn auch offiziell eine Reorganisierung des Filmwesens genannt, über die zur Zeit noch nicht viel mehr zu erfahren ist, als daß sie der Rationalisierung der Produktion und einer besseren Koordination mit dem Verleih dienen soll.

Nun bestätigen viele Filmleute, daß die wirtschaftliche Situation eine Reform in jedem Falle notwendig gemacht hätte. Aber natürlich ist diese Maßnahme gleichzeitig auch ein spezifischer Ausdruck der allgemeinen Rückkehr von einem scheinbar grenzenlosen Liberalismus zu administrativen Versuchen, den politischen Prinzipien des Bundes der Kommunisten wieder mehr Geltung zu verschaffen. (So wurde in einer der Eröffnungsreden der offizielle Standpunkt betont, "daß die Kultur, und besonders der Film als Massenmedium, den Interessen der Arbeiterklasse dienen soll".)

Dazu gehört auch, daß die Finanzierung von Filmen künftig nur dann erfolgen wird, wenn sie "gesellschaftlich gerechtfertigt" ist. Das heißt, daß man keine öffentlichen Mittel mehr zur Subventionierung von Filmen ausgeben wird, die – wie bisher vielfach – nur für in- und ausländische Festivals und teilweise bereits mit einem Blick auf mögliche ausländische Käufer projektiert worden sind. Umgekehrt will man dafür sorgen, daß alle produzierten Filme das einheimische Publikum auch wirklich erreichen, was natürlich nicht nur von einem besseren Verleihsystem, sondern auch vom Charakter dieser Filme abhängt.

Unter diesem Gesichtspunkt waren das Filmangebot in Pula und die Preisverteilung, die ja als richtungweisend betrachtet werden; muß, aufschlußreich. Den Schluß- und Höhepunkt des Festivals bildete die Aufführung des mehr als zweistündigen Breitwandfilms "Sutjeska" in Gegenwart von Präsident Tito, dem Haupthelden dieses nationalen Epos, das mit Spenden zahlreicher jugoslawischer Großbetriebe finanziert wurde.