Zu ihrem ersten offiziellen Gespräch sind am Dienstag Bundeskanzler Brandt und Oppositionsführer Carstens zusammengetroffen. Die Unterredung sei, so hieß es hinterher, von "großer Sachlichkeit getragen" gewesen, obwohl sich das Verhältnis zwischen SPD/FDP und der Union nach Äußerungen führender Oppositionspolitiker spürbar verschlechtert hatte.

Die Union hatte den Angriff auf zwei Fronten eröffnet. In einem Interview erklärte der CDU-Vorsitzende Kohl, die Union werde in einem "heißen Herbst" die Auseinandersetzung mit der Regierung auf allen Gebieten suchen, eine Ankündigung, die Kohl am Montag nach seiner Sitzung des CDU-Präsidiums wiederholte. Dabei wolle sie besonderen Wert auf die Mitbestimmung, die Vermögenspolitik und die Beschäftigung Radikaler im öffentlichen Dienst legen – Themen, bei denen sie Konfliktstoff in den Regierungsparteien vermutet und bei der FDP eine zumindest partielle Übereinstimmung mit den Zielen der CDU/CSU annimmt.

Außenpolitisch hatte Carstens der Bundesregierung zunehmende neutralistische Tendenzen unterstellt. Er griff dabei auf einen vier Jahre zurückliegenden Diskussionsgedanken Egon Bahrs zurück, der sich hypothetisch mit der Zukunft Europas und der Auflösung der Bündnisse beschäftigt hatte. Regierungssprecher von Wechmar meinte, es sei "empörend", an der Bündnistreue der Bundesregierung zu zweifeln.

Solche Zweifel äußerten auch der CDU-Abgeordnete Marx und der CSU-Vorsitzende Strauß. Der bayerische Politiker bemerkte zu den kritischen Äußerungen des französischen Landwirtschaftsministers Chirac, die Bundesrepublik werde den Franzosen langsam unheimlich, weil Bonn in den Sog seiner eigenen Ostpolitik geraten sei. Man könne nicht die westeuropäische Einheit und Sicherheit verfolgen und gleichzeitig Moskau zufriedenstellen.

Zu den Vorwürfen Chiracs – der ähnliche Anschuldigungen gegenüber London erhob – hat Bundesminister Ertl genau eine Woche später ebenfalls in der französischen Zeitschrift Le Point Stellung genommen. Es habe ihn überrascht, daß ein Pariser Kollege solche Behauptungen aufgestellt habe, obwohl er gewußt habe, daß sie nicht zuträfen. Eine Prüfung der Agrarmarkt-Prinzipien habe nichts mit Abwendung von Europa zu tun.