Köln

Am 15. August vor 725 Jahren wurde mit dem Bau des Kölner Doms begonnen. Kulturfreunde kritisierten, daß im Gegensatz zu manchen anderen kölnischen Jubiläen dieses Tages nicht öffentlich gedacht wurde. Vielleicht war dies Versäumnis richtig.

Denn die Festredner wären um das blamable Eingeständnis nicht herumgekommen, daß just die Jubiläumsgeneration zerstört, was ihre Vorfahren für die Ewigkeit hatten bauen wollen. Dazu hatte im Jahre 1248 Meister Gerhard einen Teil des Drachenfelses abtragen und als Dombauwerk mit teilweise mehreren Meter dicken Mauern wiederaufschichten lassen. Seine Nachfahren, die im Jahre 1842 mit der Vollendung des Torsos begannen, wollten erklärtermaßen ein nationales Zeichen "für alle Zeiten" setzen. Das 20. Jahrhundert ist auf dem besten Wege, dieses Zeichen unfreiwillig, durch Industrie- und Autoabgase, zu demontieren: Die Kölner Luft läßt den Dom zu Staub zerfallen.

Seit der neue Dombaumeister Arnold Wolff deswegen die Sturmglocke läutete, sind manche Einzelheiten bekanntgeworden. Beispielsweise, daß wegen Gesteinszerfalls abgenommene Figuren nicht mehr restauriert an ihren Platz zurückkehren, sondern ins Museum kommen. An der Fassade erhalten statt dessen aus Kunststein gegossene und deshalb widerstandsfähigere Kopien den schönen Schein der heilen mittelalterlichen Welt aufrecht.

Manche Einzelheit blieb, weil zu erschrecklich, unpubliziert: Daß die Kühlerhaube eines vorbeifahrenden Mercedes-Pkw bereits von einem herabfallenden Bauteil glatt durchschlagen wurde; daß zwei Frauen von einem wäßrigen (und säurehaltigen) "Absandungspfropfen" getroffen wurden, wonach die Dom-Haftpflicht neue Kleider bezahlen mußte.

Das Sturmgeläut vom Dom hat die öffentliche Hand zur Rettungsaktion bereitgemacht: Staatliche Emmissäre baten jüngst die Verbraucher schweren Heizöls im Dom-Dunstkreis, auf leichtes Öl umzustellen – mit Erfolg bei Kaufhaus-Managern, noch ohne Erfolg bei Einrichtungen der öffentlichen Hand wie den Kölner Städtischen Bühnen (deren Dezernent in anderen Gremien zugleich mit der so hehren wie heiklen Aufgabe der Domerhaltung befaßt ist).

Mehr unter der Hand kamen die Verhandlungen mit der öffentlichen Hand zum Abschluß, mehr Mittel für die Erhaltung des Domes bereitzustellen. Denn die Behörden wissen sehr wohl, daß sofort die Kuratorien Dutzender anderer umweltbedrohter Bauten im Bundesgebiet denselben Ruf nach mehr Geld erheben würden. Die Not des Domes hat auch Erfindergehirne mobilisiert: Dombaumeister Wolff mangelt es nicht an Vorschlägen, den Dom so zu behandeln, daß wenigstens eine formwahrende Kunststoffhülle auf den Jüngsten Tag überkommen könnte...