Aus Moskau weht der erste kühle Herbstwind. Die Nato, der Westberliner Senat (zum 13. August) und das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe haben ihn schon zu spüren bekommen. Wer die frostige Polemik der sowjetischen Presse als ein kühl kalkuliertes Druckmanöver Breschnjews ansieht, wer sie gar als Beweis für den Mißerfolg der Bonner Ostpolitik wertet, verkennt die Ursache der Klimaveränderung: Es ist Breschnjews Westpolitik, die in Gegenströmungen geraten ist.

Bis in die höchsten sowjetischen Führungsgremien hinein grassiert die Befürchtung, daß die Entspannungsoffensive des Generalsekretärs den eigenen Machtbereich entsichert. Ein Mitglied des Politbüros hat die Bedenken jüngst sogar öffentlich und kaum noch umschrieben formuliert Moskaus ideologischer Gralshüter Suslow. Auch in einigen osteuropäischen Bruderparteien haben sich, zumindest zeitweilig, die Meinungen über Breschnjews Westpolitik polarisiert. Kommentaren der sowjetischen Massenmedien zum Treffen der osteuropäischen Parteiführer Ende Juli auf der Krim läßt sich entnehmen, wovor man in Moskau Angst hat:

  • Die amerikanisch-sowjetischen Übereinkommen könnten dazu führen, daß die kommunistische Führungsmacht bei den nationalen und revolutionären Befreiungsbewegungen ihr Gesicht verliert – ein Nachteil, den sofort die Chinesen ausnutzen würden.
  • Obwohl sich der Ostblock gegen westliche Einflüsse noch mehr abgrenzt und die osteuropäischen Sicherheitsorgane unter Anleitung des sowjetischen KGB noch intensiver zusammenarbeiten wollen, geht die ideologische Aufweichung weiter – einfach weil Breschnjews Westpolitik zu schnell das gewohnte Feindbild aufgelöst hat. Kein Wunder, daß er jetzt zur Wachsamkeit aufruft. Auf der Krim kamen die Bruderparteien überein, das Niveau der ideologischen Zusammenarbeit entscheidend anzuheben.

Die Frage lautet: Ist Breschnjew diesmal überhaupt der Treibende – oder versucht er seinen Kritikern durch Konzessionen den Wind aus den Segeln zu nehmen? Nach seiner Rückkehr aus Amerika und Frankreich wurde sein Verdienst zwar von Politbüro, Präsidium des Obersten Sowjets und Ministerrat gewürdigt, zugleich aber das Prinzip der kollektiven Führung betont. Prawda und Iswestija erwähnten Anfang Juli mehrmals warnend den Begriff des "Personenkults". Wenig später, Mitte Juli, feuerte der Parteiideologe Suslow Warnsignale ab.

In einer Rede vor Parteifunktionären, die noch Breschnjews Werbefeldzüge in den kapitalistischen Metropolen vor Augen hatten, sagte Suslow, die schöpferische Arbeit der KPdSU müsse organisch mit dem weltrevolutionären Prozeß verflochten sein. Nur die Entfaltung dieses Prozesses bringe den Zusammenbruch des Imperialismus und den Triumph des Sozialismus im Weltmaßstab. In der internationalen Arena und – in den kapitalistischen Ländern herrsche unvermindert ein scharfer Klassenkampf. Nur eine Partei, die im unversöhnlichen Kampf mit den bürgerlichen Ideologien die dominierende Rolle spiele, sei in der Lage, allen möglichen kleinbürgerlichen Schwankungen standzuhalten und Rückfälle in den Opportunismus zu vermeiden.

In diesem Sinne ist für Suslow auch die sowjetische Außenpolitik sozialistische Klassenpolitik. Seine Rede klang wie ein dogmatischer Dämpfer für Breschnjew. Wer freilich darauf spekuliert, daß der sowjetische Generalsekretär seine Widersacher schon bald ausbooten, Gromyko noch weiter aufwerten und Dobrynin zum Außenminister machen könnte, überschätzt Breschnjews Möglichkeiten. Immerhin hat Suslow vor 2500 Funktionären gesprochen, bezeichnenderwiese zum 70. Jahrestag des Zweiten Kongresses der russischen Sozialdemokratie – es war jener Londoner Kongreß, auf dem Lenin den ersten Trennungsstrich zu den gemäßigteren Sozialdemokraten, den Menschewiki, gezogen hatte.

Im Kommuniqué über das Krimtreffen, zwei Wochen nach Suslows Brandrede, finden sich Passagen, die sich wie eine Rechtfertigung der Westpolitik Breschnjews anhören. Da ist von der Solidarität mit dem Befreiungskampf der Völker die Rede, von der Abwehr von Anschlägen auf ihre Freiheit. "Die sozialistischen Länder", so wird, ähnlich der zuvor von Suslow gebrauchten Formel, versichert, "betreiben eine prinzipienfeste, klassengebundene Außenpolitik". Die Konferenz der europäischen Außenminister in Helsinki wird im Kommuniqué nicht als Erfolg der sozialistischen Friedenspolitik gefeiert, sondern recht spröde nur als "nützlich" eingestuft.