Konstanz

Manche Oberschwaben und manche Schweizer ließen die rund zwei Millionen Schwaben in und um Stuttgart am liebsten im eigenen Dreckwasser umkommen. Obwohl diese jetzt bereits über 7000 Liter pro Sekunde aus dem größten Trinkwasserreservoir der Bundesrepublik, aus dem Bodensee, abzapfen, ist ihr Durst noch nicht gelöscht: Spätestens 1974 soll mit dem Bau einer weiteren Leitung begonnen werden, mit dem 74 Kilometer langen sogenannten Bodensee-Neckar-Stollen, durch den dann 25 000 Liter Bodenseewasser in der Sekunde unter der Schwäbischen Alb hindurch in den Neckar bei Stuttgart gepumpt werden – ein unbedingt notwendiges Jahrhundertprojekt. Denn schon jetzt führt der Neckar bei Stuttgart mehr Abwasser als Sauberwasser; im Jahr 2000 wird die Abwassermenge sogar auf das Dreifache ansteigen, wenn...

Um dieses "Wenn" geht es am kommenden Wochenende bei der Volksabstimmung in dem Schweizer Bodenseekanton Thurgau, wo die Eidgenossen darüber abzustimmen haben, ob ihre Kantonsverfassung um folgenden Text erweitert werden soll: "Der Staat setzt sich für die Erhaltung der natürlichen See- und Flußlandschaft am Bodensee, Untersee und Rhein ein. Er wendet sich deshalb gegen alle Maßnahmen, welche die natürlichen Verhältnisse und Gleichgewichte beeinträchtigen, insbesondere gegen die künstliche Abflußregulierung, die Hochrheinschiffahrt und die Ableitung von Wasser in andere hydrologische Einzugsgebiete, soweit sie nicht der Trinkwasserversorgung dient." Die 10 800 Unterschriften der thurgauischen Volksinitiative 1972 haben den ganzen Kanton mobilisiert. Niemand zweifelt daran, daß die Thurgauer den Schwaben den Hahn abdrehen werden.

Vergeblichhaben die Württemberger ihren Nachbarn in Zeitungsanzeigen und Vorträgen klarzumachen versucht, daß sie ihnen nicht das Wasser abgraben wollen, daß sie es im Grunde mit dem Bodensee nur gut meinen. Dieses Trinkwasserbecken soll nämlich auch noch ein Regulierwehr erhalten, damit das kostbare Naß nicht immer wieder bei Konstanz ungenutzt als Hochwasser in Richtung Basel abfließt. Durch das bei Hemmishofen geplante Regulierwehr soll der See einen ausgeglichenen Wasserstand (und damit auch saubere Ufer) erhalten. Dann könne auch der Aderlaß für Stuttgart nichts schaden.

Dies scheint aber nicht einmal den Oberschwaben, den baden-württembergischen Landeskindern am Bodensee, einzuleuchten. Die Kreisverordneten des Bodenseekreises wie ihre Kollegen aus Konstanz haben sich gegen Stollenbau und Regulierwehr ausgesprochen. Sie lassen wohl darüber mit sich reden, daß die Entnahme von Trinkwasser für Stuttgart erhöht wird. Pikanterweise zählt zu ihnen auch Friedrich Brünner (CDU), der neue Minister für den Umweltschutz in Baden-Württemberg. Soll er nun zuerst dafür sorgen, daß der Neckar keine Kloake wird oder soll er den Bodensee vor dem Austrocknen bewahren?

Brünner fackelte nicht lange: Lieber solle man Wasser aus dem Rhein bei Freiburg oder Karlsruhe nach Stuttgart holen als aus dem Bodensee.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger tritt langsam. Der Stuttgarter CDU-Fraktionsvorsitzende Lothar Späth will zunächst einmal prüfen lassen, ob man durch den Wassernachschub aus dem Bodensee dem überdimensionalen Wachstum des Wirtschaftsraumes Stuttgart überhaupt noch Vorschub leisten solle. Und auch einige SPD-Abgeordnete haben erhebliche landesplanerische Bedenken angemeldet. Und die Konstanzer FDP hat ihren Bundesminister Genscher eingeschaltet.

In Konstanz fürchtet man nämlich ein stummes Tauschgeschäft, weil wirtschaftlich stärkere Kreise in der Schweiz, die vor allem an der Industrialisierung des St. Galler Alpenrheingebiets und der Schweizer Hochrheinlandschaft interessiert sind, die baden-württembergischen Pläne unterstützen könnten. Der Handel würde dann so aussehen: Die Deutschen lassen künftig Lastkähne vom Rhein bis in den Bodensee fahren (Schiffbarmachung des Oberrheins), die Schweizer lassen noch mehr Wasser für den Neckar entnehmen. Fritz Hämmerle