Angst vor einem drohenden "Ausverkauf" veranlaßte die Brüsseler Kommssion, auf Nixons Spuren zu wandeln und Ausfuhrverbote für knappe Weizensorten zu verhängen. Bei Mais und Gerste läßt sie es vorerst noch mit dem milderen Mittel einer Ausfuhrsteuer bewenden.

Die Furcht vor dem Ausverkauf ist nicht unbegründet. Der hohe Weltmarktpreis für Getreide verlockt die Händler zur Zeit dazu, europäische Überschüsse und Lagerbestände auf den Weltmarkt zu werfen. Das könnte dazu führen, daß auch in der EG Getreide knapp wird und dann später zu vielleicht noch höheren Weltmarktpreisen wieder eingeführt werden muß. Für Händler, die jetzt Getreide aus- und später wieder einführen, könnte dies ein blendendes Geschäft werden. Solche Spekulationen will Brüssel mit den verschiedenen Ausfuhrerschwernissen verhindern.

Daß solche Maßnahmen allerdings zu einer ernsten Störung der Handelsströme führen können, zeigte sich, als die Vereinigten Staaten Ausfuhrsperren für Sojabohnen verhängten. Da diese Bohnen ein wichtiger Bestandteil des Viehfutters sind, werden erste Engpässe für Europas Viehhaltung befürchtet. Im Bonner Ernährungsministerium ängstigte man sich, die "Lage könne schon im September kritisch werden".

Inzwischen haben die Vereinigten Staaten jedoch ihr Embargo gelockert. Ob es zu einer völligen Freigabe oder einem erneuten Exportstopp kommt, hängt von der nächsten Ernte ab. Zur Zeit wechseln sich optimistische und pessimistische Ernteschätzungen in Washington mit schöner Regelmäßigkeit ab. Eine Versorgungskrise ist deshalb immer noch nicht auszuschließen. Der CDU-Abgeordnete Isidor Früh befand es hoch an der Zeit, die Europäische Gemeinschaft und die Bundesrepublik vor Mangelerscheinungen bei Nahrungsmitteln zu sichern.

Josef Ertl, Bonns schwergewichtiger Bauernminister, hält die Sorgen des CDU-Politikers allerdings für unbegründet: "Sowohl die Eigenversorgung als auch die Möglichkeiten, im Rahmen von Katastrophenfällen und sonstigen Mangellagen zu helfen, sind nach Auffassung der Bundesregierung sichergestellt."

Und in der Tat scheint Bonn für Krisenfälle wohlgerüstet – zumindest auf dem Papier. Sollten weltweite Mißernten oder protektionistische Maßnahmen wichtiger deutscher Handelspartner – etwa der USA – zu einer Gefahr für das tägliche Brot der Bundesbürger werden, kann die Regierung auf Lagerbestände bei Getreide zurückgreifen, die stets für drei Monate ausreichen sollen.

Als Grundlage für weiterreichende Eingriffe kann das Ernährungssicherstellungsgesetz dienen. Das Gesetz, im Rahmen der Notstandsgesetzgebung 1968 verabschiedet, kann auch ohne verteidigungspolitischen Notstand in Friedenszeiten angewendet werden. Es tritt dann in Kraft, wenn eine ausreichende Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern durch markgerechte Maßnahmen nicht mehr gewährleistet ist. In solchen Fällen kann die Regierung Produktion und Verbrauch von Nahrungsgütern staatlich lenken.