Von Hansjakob Stehle

Der Spruch, daß alle Wege nach Rom führen, stößt jenseits des Tiber auf eine Mauer; nur durch ihre vier Tore kann man – mit entsprechenden Papierdien versehen – in die Vatikanstadt gelangen, in jenen 0,44 Quadratkilometer kleinen Kirchenstaat, über den die Päpste seit 1928 wieder als absolute Monarchen regieren dürfen. Der fünfte Einlaß (der einst nicht nur zu Fuß, sondern auch auf den Knien rutschend zu erreichen war), ist für Fremde, die auf dem Petersplatz die kaum sichtbare Staatsgrenze zwischen den Bernini-Kollonaden überquert haben, meistens der einzige: das Portal zur Petersbasilika. Hier wird als Ausweis "entsprechende" Kleidung verlangt. Allerdings verleihen die Sittenwächter des vatikanischen Gouverneurs, die mit Kennerblick jede Blöße über den Knien und unter dem Halse messen, zur Verhüllung schwarze, unförmige Kunststoffmäntel.

Wer hochgestimmt und nicht unbedingt als Pilger angekommen, sich selbst und vor allem seiner Dame solche Prozedur nicht gleich am Anfang zumuten will, dem rate ich, seinen vatikanischen Rundgang nicht mit dem Inneren von St. Peter zu beginnen. Diese größte Kirche der Christenheit, zumal die Kuppel Michelangelos, kann sich in ihrer ganzen architektonischen Schönheit dem Blick ohnehin nur von der Rückseite, von den vatikanischen Gärten aus, erschließen. Wie aber gelangt man dorthin? Erst seit wenigen Monaten sind sie zum erstenmal für Touristen zugänglich geworden. Man begibt sich zunächst ins elegante vatikanische Informationsbüro für Pilger und Touristen auf der linken Seite des Petersplatzes.

Hier werden mehrsprachig Auskünfte erteilt, ein Plan der Vatikanstadt ist (für 100 Lire) zu haben, auch ein gedrucktes Programm aller fremdsprachigen katholischen (und sogar nichtkatholischen!) Gottesdienste in Rom, vor allem aber werden hier für 2500 Lire (etwa elf Mark) zwei Tage vorher schon Karten für die Führung durch die vatikanischen Gärten verkauft. Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag, 9.30 Uhr, können jeweils 35 Personen einen Autobus mit dem Kennzeichen "SCV" besteigen ("Stato di Citta del Vaticano" heißt das, aber der Volksmund deutet die Buchstaben anders: Se Cristo Vedesse" – wenn Christus das sehen würde...).

Nur in diesem Bus dürfen Touristen das Glockentor (Arco delle Campäne), vorbei an den hellebardenbewehrten Schweizer Gardisten, passieren. Es gibt freilich noch einen "Geheimtip" für Fußgänger: Wenn man den Schweizern sagt, man wolle zum "Campo Santo Teutonico", dem idyllischen deutschen Friedhof, geben sie den Weg frei, denn gleich links hinter dem Torbogen liegt dieser Campo Santo, der zusammen mit seinem Studienkolleg, der kleinen Kirche und den wertvollen archäologischen Ausgrabungen die älteste, aus den Zeiten Karls des Großen stammende Nationalstiftung der Deutschen bildet; es ist – und deshalb der freie Zutritt – formaljuristisch betrachtet ein kleines Stück exterritorialen deutschen Gebiets innerhalb des Vatikans.

Der Fremdenführer des "Governato" witzelt darüber und führt seinen Bus weiter über die Piazza Santa Marta (wo eine Tankstelle – nur für Vatikanbedienstete! – das Benzin um 50 Lire billiger als in Italien, verkauft) zur Mosaikfabrik und zum Gouverneurspalast, den Pius XI. 1929 in bombastischem Stil bauen ließ, um die neu gewonnene Staatssouveränität zu demonstrieren. Dahinter dürfen Sie die päpstliche Eisenbahn bestaunen: 250 Meter totes Geleise, verbunden mit der Strecke Rom–Viterbo, davor ein monumental häßlicher Bahnhof mit eigener Frachtabteilung.

Nun steigt der Bus langsam den vatikanischen Hügel hinauf durch eine der gepflegtesten und schönsten Parkanlagen der Welt; Blumen, Pflanzen, Bäume aus allen Erdteilen, plätschernde Brunnen, Statuen – manche gar nicht so fromm. Vor dem frühmittelalterlichen Rest der Mauer Papst Leos IV. (mit dem privaten Turmgemach Papst Johannes’ XXIII.) bleibt der Bus zurück und man wandert zu Fuß bergab zwischen Kamelien- und Oleanderblüten, Alleen mit Oliven-, Zimt- und Pfefferbäumen und sterbenden Zedern, neben denen da und dort wie abstrakte Kunstwerke die komplizierten Antennen von "Radio Vatikan" in den Himmel ragen. Außer einigen Gärtnern und Gendarmen kein Mensch. Seit fünfzehn Jahren geht hier kein Papst mehr spazieren (Paul VI. begnügt sich mit seinem Dachgarten). Noch weiter entfernt liegen die Zeiten jener Renaissancepäpste, die allerlei weltlicher Schönheit aufgeschlossen waren; Pius’ IV. köstliches Sommerhäuschen (die "Casina") wird bei der Fremdenführung – schamhaft? – nur von ferne gezeigt. Doch, umrahmt von Palmen und kunstvoll geschnittenen Hecken, erhebt sich nun beherrschend die Peterskuppel.