Von M. Y. Cho

Der Journalist Peter Kuntze hatte sich 1970 mit dem Buch "Der Osten ist rot – Die Kulturrevolution in China" einen Namen gemacht. Jetzt legt er schon sein drittes China-Buch vor:

Peter Kuntze: "China – die konkrete Utopie"; Nymphenburger Verlagshandlung, München 1973; 304 S., 19,80 DM.

Er hatte sich das Ziel gesteckt, "den Sozialismus (in China) an den Kriterien des Sozialismus selbst zu messen". Ein lobenswerter Vorsatz, wenn der Autor nur nicht – paradoxerweise – die Kriterien des Marxismus und Sozialismus an der Praxis des "Maoismus" gemessen hätte. Dieser Beitrag zur Theoriediskussion, der nur für China-Experten und für "Maoisten" interessant ist, zeigt zugleich, daß auch ein Berufsjournalist langweilig schreiben kann.

Kuntze beginnt mit einem Abschnitt, in dem "die Lehren der Sowjetunion" schnell überflogen, Marx, Engels und Lenin sporadisch zitiert und Stalin ausgiebig getadelt werden. Bereits hier wird alles "bewußt aus chinesisch-marxistischer Sicht" betrachtet und beurteilt, "muß (doch) dieses Buch parteilich sein: es nimmt bei aller Skepsis und Distanz Partei für den Versuch, der Selbstverwirklichung und der Selbstbestimmung des Menschen näherzukommen". Die Sowjetunion habe sich nach dem Tode Lenins immer weiter vom Marxismus entfernt. Um die "Perversion proletarischer Macht im Namen des Marxismus" in der Sowjetunion zu belegen, bringt der Autor auch chinesische Zitate: "Die Sowjetunion von heute steht unter der Diktatur der Bourgeoisie, einer Diktatur der Großbourgeoisie, einer Diktatur von der Art des deutschen Faschismus, einer Diktatur von der Art Hitlers."

Der Sozialismus in China sei anders, sei marxistisch, befindet Kuntze, der immer wieder die Situation in der Sowjetunion mit der chinesischen vergleicht, übrigens mit Recht zuungunsten der Sowjetunion. Nach Kuntze war die Große Proletarische Kulturrevolution in China "der bisher erstmalige Versuch in der Geschichte des angewandten Marxismus, den bereits wieder bürgerlich‘-hierarchisch verfestigten Oberbau zu dynamisieren und den Weg in Richtung auf kommunistische Strukturen frei zu machen". Warum aber .erwähnt der Autor nirgends die "Proletarische Kulturrevolution" in der Sowjetunion (1917–1921)? Schon in den ersten Jahren nach 1917 stellte man in der sowjetischen Theoriediskussion über die politische und die ökonomische Revolution als vollendende Stufe der sozialistischen Revolution die kulturelle Revolution.

Der Autor steht noch immer unter dem Eindruck der unmittelbar vergangenen Kulturrevolution in China. Einseitig stellt er Mao als den ersten heraus, der die Gegensätze der "Massenlinie" und der "Bürokratenlinie" in den "permanent vor sich gehenden Klassenkämpfen" erkannt habe. Durch die sogenannten "7.-Mai-Kaderschulen", die in der Kulturrevolution entstanden, würden die Funktionäre der Partei und des Staates "vom bürokratischen Arbeitsstil und der Trägheit" befreit werden und lernen, "mit den Massen zu leben, zu essen, zu arbeiten und zu diskutieren". Die Tradition, Funktionäre an kollektiver Produktionsarbeit teilnehmen zu lassen, heiße im Chinesischen "Lao tung", was bei dem Nicht-Sinologen Kuntze soviel bedeutet wie "Umwandlung zur proletarischen Lebensauffassung durch körperliche Arbeit". Dabei ist Lao tung einfach das Wort für "Arbeit".