Von Hans Ellwe

Eine Rußlandreise wird geplant und läuft ab wie ein Computerprogramm: Ein detailliertes Reiseprogramm wird der sowjetischen Reisegesellschaft "Intourist" mitgeteilt, von ihr bewilligt und schließlich bezahlt, bevor man ein Visum bekommt. Besichtigungen innerhalb der UdSSR sind dann ebenso strikt organisiert, so daß man oft das Gefühl bekommt, nichts ohne Intouristbegleitung unternehmen zu dürfen. Die Begründung für Intourists Allgegenwart ist die, dem Reisenden Zeit sparen zu helfen und ihm den Besuch des Landes zu erleichtern. Mit Intourist braucht niemand anzustehen, und Eintrittskarten sind garantiert. Kann man diese Hilfe ablehnen?

Man kann. Ich bin mit Intourist durch die UdSSR gefahren. Die Städte selbst und ihre Umgebung habe ich dann aber ohne seine Hilfe gesehen. Der wichtigste Unterschied zwischen Intourist- und Einzelfahrten ist: Kontakte mit Russen. Als Beispiel dafür, wie man als Besucher die Sowjetunion sehen kann, steht mein Abstecher von Leningrad nach Petrosawodsk.

Petrosawodsk, die Hauptstadt von Karelien, liegt 400 Bahnkilometer nordöstlich von Leningrad am Onegasee. Fast 70 Kilometer im inselreichen See liegt Kiji, das Inselmuseum mit den unglaublichen Kuppelkirchen aus Holz. Eine Kijibesichtigung war in unserem Programm nicht vorgesehen, und für eine Einzelreise machte mir die Intouristdame folgende Rechnung auf: 24 Dollar(!) Bahnfahrt, plus 18,50 Dollar für Bootsfahrt und Führung auf Kiji. Mir gefiel weder, daß ich mich einer Führung anschließen, noch daß ich in Dollar zahlen sollte. Wohin mit meinen Rubeln? – Wie wurde denn ein Leningrader nach Kiji fahren?

Einfach mit der Bahn. Aber als Tourist brauchte ich zunächst einmal ein Visum für Petrosawodsk/Kiji. (Früher brauchten die Russen auch eines.) Ich bekam es innerhalb von 18 Stunden durch die Hotelleitung. Dann brauchte ich Fahrkarten. Eine "platzkarta" für die Hinfahrt gab es für 6,80 Rubel am Bahnhof, die Rückfahrkarte könne ich in Petrosawodsk kaufen. Abfahrt abends um halb zehn, Ankunft in Petrosawodsk gegen sechs Uhr früh.

Im Hotel sagte ich allen Bescheid. Auf meiner Bettbank im Zug saßen zwei junge Russen und eine Frau, alle Automechaniker. Ich wollte mich noch nicht gleich hinlegen, und so leerten wir die mitgebrachten Bierflaschen und diskutierten Reisen, Deutschland, Autos, Weltraumfahrt, Fußball, bis ich die Augen nicht mehr offen halten konnte. Die Frau, Lara, schlief auf der Bettbank über mir und erklärte, wie ich für einen Rubel Laken und Decken von unserer Zugbegleiterin bekommen und es mir für die Nacht bequem machen konnte.

Früh um sechs standen wir in Petrosawodsk auf dem runden Bahnhofsvorplatz. Wo ist denn der See? – Zuerst wird gefrühstückt, lud Lara mich ein, das Boot fährt noch nicht. Wir gingen eine breite Straße entlang, durch ein paar Seitenstraßen und bogen in eine Neubausiedlung ein, mit Grünanlagen und einem Spielplatz. Laras Familie wohnte in einem der eintönigen Wohnblocks. Zu Hause schliefen noch alle. Wir schlichen in die Küche. Zum Frühstück gab es Tee, Gurken und Tomaten, dazu stark gesalzenen, hart getrockneten Fisch und eingemachte, etwas schleimige Pilze. Ich tat so, als schmeckte es mir. Nach einer Weile fand ich das Frühstück sogar ganz gut; abwechslungsreicher jedenfalls als unsere Butterbrötchen. Nebenan im Badezimmer wurde es lebendig, und bald setzte sich Pjotr, Laras Mann, an den kleinen Küchentisch. Beim Frühstücken erzählten sie mir, wie sie am Wochenende von ihrem kleinen Boot aus im Onegasee ihren Bedarf an Fischen deckten und in den weiten Wäldern um Petrosawodsk "Fleisch machten": Lara fährt das Motorrad, und Pjotr sitzt mit dem Gewehr hinten drauf und schießt, wenn nötig im Fahren. Das Wild ist hier nicht an den Menschen gewöhnt und noch recht zahm. Im Herbst holt sich das Ehepaar große Mengen von Beeren und Pilzen aus den Wäldern und macht sie ein.