Von Karl-Heinz Wocker

In Whitehall wächst das Gras besonders schnell. Es braucht nur jemand die Zauberformel "Geheimdienst" auszusprechen, und schon liegt die Opposition zahm wie der Löwe zu Daniels Füßen. Wenn dann auch noch der böse Feind den Beweis liefert, wie recht die Regierung wieder einmal hat, spendet die Nation gern ihren Segen. Die Brandbomben den Londoner Kaufhäusern mögen so stümperhaft fabriziert sein, daß sich jeder wahre IRA-Mann ihrer schämen muß. Aber sie erfüllen ihren Zweck. Wieder einmal geht in der britischen Hauptstadt das Gespenst der irischen Wirren um, in die man verwickelt werden könnte. Das jahrhundertealte schlechte Gewissen der Briten vergrößert die Furcht zum steten Alptraum.

Verteidigungsminister Lord Carrington wird sich die Hände reiben. So wie dieBomben vom letzten Dezember in Dublin gerade rechtzeitig explodierten,um eine zögernde südirische Regierung für die gemeinsame Abwehrfront gegen die IRA zu gewinnen, so kommen nun die Zündpäckchen in den Heiligtümern der britischen Konsumgesellschaft geraderecht, um jedes Gerede zu ersticken, die Dubliner Vorfälle von damals seien von London aus ferngesteuert worden. Genau das aber behaupten zwei engliche Bankräuber, die in der irischen Hauptstadt zu 20 und 15 Jahren verurteilt worden sind. Sie erleichterten im Oktober 1972 eine Bankfiliale in der Dubliner Grafton Street um 67 000 Pfund und setzten sich dann in die Heimat ab. Dort wurden sie gefaßt, und Dublin beantragte ihre Auslieferung. Der Fall schien sonnenklar zu sein: Kenneth Littlejohn und sein Bruder Keith waren schon einschlägig vorbestraft, an ihrer Täterschaft gab es keinen Zweifel, das Auslieferungsverfahren kam in Gang.

Überraschenderweise lief es in London unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Der Dubliner Richter, dem die Brüder später vorgeführt wurden, wies jedoch das Ansinnen zurück, ähnlich vorzugehen. Er dachte, es mit einem reinen Kriminalfall zu tun zu haben. Nicht so die Angeklagten selbst. Sie wähnten sich vielmehr als Angehörige des britischen Geheimdienstes und daher im Genuß besonderer Rechte, wozu sie offenbar auch Immunität vor dem Gesetz zählten. Um darauf hinzuweisen, suchte einer ihrer Anwälte dem Gericht ein Schreiben vorzulegen, das 1971 aus dem Büro des damaligen Staatssekretärs im Londoner Verteidigungsministerium, Geoffrey Johnson Smith, an Kenneth Littlejohn abgeschickt worden war. Darin wurde eine Unterredung dieser beiden seltsamen Gesprächspartner bestätigt: ein erstaunliches Dokument für eine so betuliche Administration wie die britische. Der Richter winkte jedoch ab: Politik sei irrelevant, sagte er, hier gehe es nur ums Strafgesetz.

Die Presse aber horchte auf, besser gesagt: sie hatte endlich einen Vorwand, offiziell aufhorchen zu dürfen. Normalerweise ersticken die britischen Vorschriften, die Eingriffe in schwebende Verfahren untersagen, jede derartige Neugier. Nun aber kam die Affäre Littlejohn ans Licht. Und sie brütete ein Kuckucksei nach dem anderen aus.

Jene Unterredung zwischen dem Ganoven und dem Diener Seiner Majestät hatte über dem gastfreundlichen Tee einer Lady Onslow stattgefunden, deren Heim dem jüngeren der beiden Littlejohns aus karitativen Gründen offen zu stehen schien. Die Lady, von dem unstillbaren Wohltätigkeitsdrang aller noch nicht oder nicht mehr verehelichten britischen Oberschichtsfrauen beseelt, hatte Keith Littlejohn im Gefängnis kennengelernt, wo er gerade einsaß. Aus Nachbehandlungsgründen kümmerte sie sich auch um ihn, als er schon entlassen war. Als er ihr erzählte, sein Bruder wisse, woher die IRA ihre Waffen bekomme, nämlich aus der Sowjetunion, rief Lady Onslow ihren guten Freund an. Und das war, wie zufällig, der Verteidigungsminister.