Von Hellmuth Karasek

Von 49 Staats- und Stadttheatern melden, was das Schauspiel angeht, 27 eine Zunahme der prozentualen Platzausnutzung, nur noch bei sechs dieser Theater geht die Zahl zurück – mit diesen und ähnlichen Fakten belegt das Jahressonderheft der Zeitschrift "Theater heute" das "Ende der Theaterkrise": "Die Theaterkrise (dieses Gemenge aus objektiven Fakten, Unsicherheiten, Personenwechsel, gesellschaftlichen und ästhetischen Wandlungen) ist im Auslaufen begriffen."

Doch während zu Beginn des Hefts die Fanfare optimistisch tönt, liest Siegfried Melchinger die "Tendenzen der Saison", die eben zu Ende ging, mit einer gewissen Resignation: "Wir müssen es kleiner geben, in dieser wie in jeder Hinsicht." Melchingers Bilanz, die neuen Stücke betreffend, sieht eher trist aus: "Wenig Neues von den Stückeschreibern. Aus Amerika kommt nur der eine Albee noch ins Spiel; England hat nicht viel mehr: den einen Bond; in Frankreich hält Ionesco Reden, nachdem er mit Stücken kein Glück mehr hat. Beckett scheint keine Lust mehr zu haben. Was soll man von Dürrenmatts Unglücksfällen halten? Daß die schon nicht mehr ganz frische Faßbinder-Kroetz-Manier, Dumpfheit und Stumpfsinn zur Sprache zu bringen, derzeit das einzige ist, was von sich reden macht, wirkt symptomatisch. Aus dem Osten nichts Neues. (Herrn Plenzdorfs neuen ‚Werther‘ wird man doch hoffentlich nicht so wichtig nehmen.)"

Ist also Melchinger von dem, was war, und von dem, was nicht war, eher bedrückt, so konstatiert der "Spiegel" in einer Vorschau auf die kommende Saison ähnliches: "Das Gängige ist im Kommen ... Die Spielpläne haben einen deutlichen Hang zum Restaurativen und Abgespielten, zur gestrigen Avantgarde und zu abgeklärten Klassikern."

Liest man dazu, was etwa Harry Buckwitz als Zürcher Intendant zur neuen Spielzeit zu sagen hat, dann will man schon glauben, daß vielerorts ein risikoloser Leerlauf das bevorzugte Spielplankonzept ist: "Einsichten wollen wir vermitteln", so meint Buckwitz, "den Menschen dazu verhelfen, das Leben mit Lust auf sich zu nehmen." Und, so fährt er fort: wer aber wolle, daß Theaterarbeit gesellschaftspolitisch relevant sei, dem könne er nur sagen: Vorsicht! Denn der riskiere den Exitus des Publikums. Ähnlich tönt es aus München, aus dem Munde des Intendanten am Bayerischen Staatsschauspiel, aus dem Munde von Kurt Meisel: "Wenn man meinen Spielplan sieht, auch wenn er konventionell erscheint, dann muß man sagen, daß fast jedes Stück auf den Gedanken des Humanismus ausgerichtet ist." Die vermittelten Einsichten, die Lust am Leben, der Gedanke des Humanismus – das ist schon das Phrasengeklingel, das einem fast bange vor der neuen Saison werden läßt.

Aber halten wir uns, vor Tische, lieber an das, was angekündigt wird: Hungrig wie eh und je auf Novitäten kündigen die deutschsprachigen Bühnen 50 Uraufführungen und 60 Erstaufführungen an. An neuen deutschen Stücken kommt vor allem ein neues von Rolf Hochhuth, der nach dem offenbaren Publikumserfolg der "Hebamme" nun wieder eine Komödie geschrieben hat: Seine "Lysistrate" wird in Bonn, Essen und am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg gespielt werden. Dürrenmatts "Mitmacher", von der Kritik nicht viel günstiger aufgenommen als Hochhuths "Hebamme", wird dennoch an viele deutsche Bühnen gelangen; in Mannheim will Dürrenmatt sein Stück in einer neuen Version selber inszenieren.

Das neue Stück von Peter Handke, "Die Unvernünftigen sterben aus", wird von der Berliner Schaubühne Anfang nächsten Jahres uraufgeführt. In diesem Stück entwirft Handke ein Porträt eines großen Unternehmers, der mit spätzeitlichen Skrupeln ausgestattet ist und dessen auswegloser Ausweg der Selbstmord ist. Zurück bleibt eine dennoch unbewohnbare Welt.