Im Rausch von Zukunftsperspektiven werden gute Vorsätze manchmal emphatisch aufgeblasen wie Luftballons, und plötzlich sind sie geplatzt: kaputt. Als vor drei Jahren, am 1. September 1970, das "Experiment Straßenkunst Hannover" ins Werk gesetzt wurde, war der Himmel voll von solchen dünnwandigen bunten Hoffnungen. "Bisher", so hatte der Hauptinszenator dieses Kulturspektakels, der hannoversche Oberstadtdirektor Martin Neuffer, damals geschrieben, "ist niemals der Versuch unternommen worden, die gesamte Bevölkerung der Stadt ständig der wiederholten, intensiven Begegnung mit der Kunst auszusetzen. Für diesen Versuch bietet sich als wohl einzig praktikabler Weg die ständige Zurschaustellung von Kunst auf den öffentlichen Straßen und Plätzen an." So sollte der "öffentliche Raum" in der Stadt mit Kunst aller Art "dicht angefüllt" werden: "Das Ergebnis wäre eine farbige Stadt, die mit Kunstwerken so vollgestopft ist wie mit Bäumen."

Gerade ist, von niemandem mehr recht bemerkt, die Dreijahresfrist zu Ende gegangen, wie es damals beschlossen worden war: Am 31. August sollte das Experiment erst einmal aufhören. Die Bilanz sollte sich nicht nur aus der Summe der Kunstaktionen, sondern auch aus der Summe der Bevölkerungsreaktionen ergeben. Denn "die Kunstwerke werden", wie Neuffer und sein temperamentvoller, längst aus Hannover verschwundener Mithelfer Manfred de la Motte vom Kunstverein versprachen, "wieder entfernt, wenn die Mehrheit der Bürger das nach drei Jahren wünscht. Sonst wird der Stadtkunstplan ständig fortgesetzt".

Die Bevölkerung wünschte nichts dergleichen, woraus zumindest zu schließen ist, daß ihr nichts entfernenswert erschien, warum auch immer – weil sie die Kunst auf den Straßen und Plätzen gar nicht wahrnahm, weil sie ihr egal ist, weil sie sich daran gewöhnt hat oder weil sie sie ganz schön findet. Das Projekt wird fortgesetzt, jedoch ein bißchen sparsamer.

Am Anfang hatten die Mitglieder des Stadtparlaments noch eine Million Mark pro Jahr für die Kunst ausgeben wollen. Genau waren es dann: für das letzte Drittel 1970 immerhin 600 000 Mark, 1971 noch 800 000 Mark, die dritte Million wurde dann, nicht zuletzt unter dem Eindruck der kommunalen Teuerungen, um ein Viertel vermindert und auf drei Jahre gestreckt: Seit 1972 gelten der Straßenkunst je 250 000 Mark. Dabei sind nicht mitgerechnet die Beträge aus der Rubrik Kunst am Bau und nicht das, was private Stifter spendiert haben.

Bewohner wie Besucher können für fünfzig Pfennig kontrollieren, was davon an sichtbaren Werken gewonnen und geblieben ist. Automaten liefern ihnen dafür Kunstpostkarten und einen kleinen Stadtplan mit Standorten, Bezeichnungen und Beschreibungen aller Skulpturen, die bisher aufgestellt worden sind. Rechnet man drei dazugekommene, drei bestellte oder schon bereitliegende Kunstwerke und auch noch eins hinzu, das ein vom letzten Sturm zerstörtes Objekt ersetzen wird, kommt man auf die Summe 23.

Für den Anspruch, den die Proklamationen vor drei Jahren umschrieben haben, ist das gewiß nicht außerordentlich viel. Mittlerweile weiß man auch, daß das Vertrauen in die Wirkung von Kunst-"Aktionen" als kurzen Ereignissen, die nicht bleiben, jedoch damals en vogue waren, übertrieben gewesen und nicht einmal mehr viel Erinnerung daran zurückgeblieben ist. Man sieht auch, daß "Straßenkunst" ein viel zu weiter Anzug ist für das bloße Dekorieren der Stadt mit Skulpturen. Auch wenn die Initiatoren im Sinn gehabt haben, nicht bloß Hannovers "Image-Aufpolierung" zu dienen, sondern "ein notwendiges Gegengewicht zur nur noch zweckhaft bestimmten Stadtumwelt" zu schaffen, bleibt die Überzeugung, daß von einer wirklichen Durchdringung der Stadt mit Kunst nicht die Rede sein kann, solange es bei der Kunstmöblierung von Straßen und Plätzen und beim Bemalen von einigen Häuserwänden bleibt. Straßenkunst, nicht bloß als Oberflächenschmuck verstanden, schließt Stadtgestaltung ein, also Stadtplanung, also Stadtarchitektur.

Warten wir mit dem Addieren, bis die anspruchsvolleren Summanden in Erscheinung treten, zum Beispiel beim Bau des neuen Cafés Kröpcke, der U-Bahn, der Fußgängerpassagen zum Hauptbahnhof und weiter. Noch, jedenfalls, gibt es viel mehr Bäume als Kunst in Hannover.

Manfred Sack