/ Von Wolfram Runkel

Die Geschichte begann nun tatsächlich so, wie eine Geschichte mit Japanern nach landläufiger Meinung wohl beginnen muß. Kaum hatte Reiseleiter Toyamo mich den 35 erwartungsvollen Augen- und Ohrenpaaren vorgestellt und ihnen freundlich mitgeteilt, daß ich die Gruppe drei Tage begleiten würde, um etwas über japanische Touristen in Deutschland zu schreiben, da verschwanden ihre Gesichter hinter den Photoapparaten, wurde ich Objekt der Objektive. Der Interviewte knipste den Interviewer. Auf dem Marktplatz in Rothenburg ob der Tauber.

Während ich mit wachsendem Erstaunen das Abziehbild des "knipsenden Herdenjapaners" wiedererkannte, wie es etwa die Stuttgarter und die Süddeutsche Zeitung verbreiten, kamen langsam ruhige, freundliche Augen hinter den Linsen vor, die sich lächelnd auf mich richteten, mich als Gast in die Gruppe einluden.

Die Gruppe war eine der unzähligen japanischen Touristengemeinschaften, die in diesem Jahr durch die Bundesrepublik und Europa ziehen. Es waren 35 von den für 1973 (von der Wirtschaftswoche) erwarteten 300 000 Europabesuchern aus Nippon (1972 waren es 183 000; 1971 nur 147 000). Schon meldete der Münchner Merkur: Japaner verdrängen die Amerikaner.

Dabei führen komischerweise die meisten Reisen weniger zu den europäischen Sehenswürdigkeiten als in die Fabriken. Die meisten Gruppen, 70 Prozent, bestehen aus Leuten gleichen Berufs, die in Europa die entsprechenden Arbeitsstätten besuchen und mit den eigenen vergleichen. Der Grund: Wer solch eine Berufsbildungs-Europareise macht, kann sie in Japan von der Steuer absetzen.

In Frankfurt arbeitet ein japanisches Unternehmen "Touring Companion System", das für Tausende von Leuten aus der Maschinenbau-, Textil-, Verpackungs- und Automobilindustrie Kontaktunternehmer in Europa sucht. Oft mit großen Schwierigkeiten. Aus Angst vor japanischen Werksspionen läßt etwa die Elektroindustrie überhaupt keine Japaner hinter die Tore, Mercedes und Hoechst haben eigens für Japaner bestimmte, unbedeutende Werksrundgänge eingerichtet, "die wir natürlich nicht wollen" (Kunie Miyaji von Touring Companion). In Hamburg reiste ich mit einer Gruppe von 47 Designern,’für die man vergeblich ein Studio in Aktion gesucht hat. Lediglich Rosenthal erbot sich, sein Verkaufs-"Studio" zu einer Besichtigung zur Verfügung zu stellen.

Meine Gruppe, mit der ich in Rothenburg zusammentraf, war aber eine reine "Sightseeing-Group", von denen es ebenfalls immer mehr gibt (jetzt 30 Prozent), Leute verschiedener Berufe, verschiedenen Alters (sechzehnjährige Mädchen ohne Begleitung der Eltern) aus verschiedenen Gegenden, mit verschiedenen Interessen. Die Gruppe war schon 13 Tage unterwegs, als ich sie traf. In Athen gelandet, waren sie per Bus durch Griechenland über Sofia, Belgrad, Triest, Venedig, Rom, Mailand, Lugano, Luzern, Hohenschwangau auf der Romantischen Straße nach Rothenburg gekommen, geleitet von Herrn Toyama und einem italienischen Führer, der auch die griechische, deutsche und englische Sprache beherrschte.