Reflexion über die Utopie

Von Rudolf Hartung

Schon das erste Buch von Karl Heinz Bohrer, dem Literaturredakteur der "Frankfurter Allgemeinen", "Die gefährdete Phantasie oder Surrealismus und Terror", war als Plädoyer für eine utopische Literatur zu lesen. Utopie wurde dabei nicht inhaltlich bestimmt, und die von Bohrer anvisierte utopische Literatur war weder durch stilistische Merkmale noch durch irgendwelche formale Gemeinsamkeiten ausgezeichnet. Vorbildlich war ihm der französische Surrealismus und sein Wortführer Breton insofern, als dieser den Schriftsteller aufgefordert hatte, "Erfahrungen und Experimente mit dem Innenleben zu machen". Illusionär sei es, so formulierte es Bohrer herausfordernd, "schreiben als etwas anderes anzusehen als den Versuch zur extremen Individualisierung".

Blieb und bleibt die Frage, wie solche Individualisierung in einer Zeit zu leisten ist, in der der Spielraum des Individuums immer mehr eingeengt und die Autonomie des Subjekts als Trug begriffen wird. Diesem Problem gelten auch die drei Aufsätze des neuen Buchs –

Karl Heinz Bohrer: "Der Lauf des Freitag" – Die lädierte Utopie und die Dichter, eine Analyse; Reihe Hanser 123, Hanser Verlag, München; 141 S., 8,80 DM.

Bohrer geht aus von der Tatsache (oder soll man sagen: Behauptung?), daß die Zeit für inhaltlich ausgeführte Utopien vorbei sei. Eine zunächst befremdliche Feststellung, wenn man sich vor Augen hält, wie sehr zeitgenössisches Denken von utopischen Vorstellungen durchwirkt ist. Und befremdlich auch darum, weil Bohrer sich die Definition Karl Mannheims zu eigen macht, utopisch sei ein Bewußtsein, "das sich mit dem es umgebenden ‚Sein‘ nicht in Deckung befindet". Denn abgesehen davon, daß eine solche Definition nicht nur auf ein utopisches, sondern ebenso sehr auf ein "nachhinkendes" Bewußtsein zutrifft: unterstellt man diese Definition als wahr, kann schwerlich davon die Rede sein, daß es heute Utopie "nicht mehr in der Form von Entwürfen" gibt – es gibt ihrer viele in unserer Welt.

In Wahrheit hat Bohrer wohl anderes im Sinn: Er meint die Ohnmacht des utopischen Entwurfs "angesichts ökonomischer und politischer Prozesse, die sich ganz und gar der Beeinflussung entziehen"; er meint emphatisch unsere geschichtliche Stunde, in der die Ende der sechziger Jahre entflammte Hoffnung auf Revolution offensichtlich zu Grabe getragen werden müsse.

In dieser Situation, so Bohrer, falle den Schriftstellern eine wesentliche Aufgabe zu: In ihnen habe der Geist der Utopie zu überwintern. Bohrer betont aber gleichzeitig mit Nachdruck, daß ihr utopisches Sprechen nicht mit der Sprache der sogenannten Kulturrevolution identisch sei. Im Gegensatz zu dieser zeichneten sich die Utopiker der literarischen Szene – Bohrer nennt Urs Widmer, Gustafsson und Nicolaus Born, den Walser der "Gallistl’schen Krankheit" und Enzensberger mit seinem "Kurzen Sommer der Anarchie" – durch einen höheren Grad der Reflexion aus und verzichteten auf inhaltliche Zielbestimmungen. Das wahre Utopische ist, wie Bohrer in seinem großen und schwerbefrachteten Aufsatz über den Robinson Crusoe ("Der Lauf des Freitag") ausführt, ein Modus der sinnlichen Wahrnehmung.

Reflexion über die Utopie

Utopie und ästhetische Sphäre werden auf diese Weise so eng verknüpft, daß Bohrer geradewegs die Frage aufwerfen kann, ob die Utopie "das Schöne" sei. Damit ist ein Problem markiert, das für künftige Anstrengungen des Begriffs im Bereich des Ästhetischen von Bedeutung sein dürfte – die Essays dieses Bandes bezeugen das. So wenn Bohrer schreibt: "Schon in der sinnlichen Äußerlichkeit, in der formellen Qualität steckt ein utopisches Versprechen."

Was Bohrer hier im Auge hat, dürfte man vielleicht die Utopie des Glücks nennen, die authentische Kunst auch dann vermittelt, wenn das Werk selber keinerlei Vorstellungen von Glück entwickelt. Dieser fruchtbare und in subtiler Reflexion erst zu entfaltende Gedanke wird indessen, wie mir scheint, von Bohrer abgebremst, wenn er das utopische Versprechen der Literatur darin erblickt, "daß ich eben das, was ich jetzt lese, für immer besitze". Das Pauschale des Begriffs "besitzen" kann nicht leisten, was hier zu leisten wäre: nämlich eine phänomenologische Bestimmung jener sinnlichen Präsenz im Kunstwerk, die Bohrer mit dem Terminus Vergegenwärtigung bezeichnet.

Überhaupt ist Bohrer mehr Theoretiker als Phänomenologe. Wozu allerdings auch zu sagen wäre, daß oft erst eine bestimmte Theorie den Blick für die Phänomene öffnet und diese zum Sprechen bringt. Vortrefflich zum Beispiel, wenn Bohrer bemerkt, wie häufig in dem Roman "Herr Gustafsson persönlich" das Wort "plötzlich" sich findet und wie diese "Plötzlichkeit", mit der Neues auftritt beziehungsweise gedacht wird, als "Zeitform apokalyptischen Sprechens" verstanden werden muß. Ausgezeichnet auch seine Deutung von Günter Grass als eines "Gegen-Utopikers" oder die Bestimmung der qualitativen Differenz zwischen "Blechtrommel" und "Örtlich betäubt".

Ungerecht, und zwar ungerecht auf Grund seiner Theorie, scheint mir Bohrer zu sein, wenn er auf realistische Erzähler wie Böll zu sprechen kommt. Hier wird mit dem Hinweis auf die ungenügende "Zeit-Reflexion" des realistischen Nachkriegsromans eine ganze literarische Richtung allzu schnell erledigt – während umgekehrt Walsers "Gallistl’sche Krankheit" und Enzensbergers "Kurzer Sommer der Anarchie" dank ihrer utopischen Momente eine Beachtung finden, die zumindest überrascht. Auch stellt man mit Erstaunen fest, daß der utopische Daseinsentwurf in Bölls letztem Roman mit keinem Wort erwähnt wird.

Warum dem so ist, läßt sich der Studie über den Robinson-Roman entnehmen, der Bohrer zufolge ein rein utopisches Dasein aufzeichnet: ein immer bedrohtes, ganz dem sinnlichen Augenblick überantwortetes Dasein, das dennoch ganz auf die Zukunft hin gespannt ist. Diese Zukunft heißt für den Helden Überleben und Rettung, und eben dies mache seine Situation aktuell auch für uns. "Die Utopie", schreibt Bohrer im Blick auf diesen einsamen Helden, "ist nicht dieses oder jenes für möglich Gehaltene, die Utopie ist das erzählte Subjekt selbst."

Der Wahrheitsgehalt einer solchen provokativen Aussage, die alles Erzählen in der Subjektivität verankert, ist nicht leicht zu bestimmen. Vielleicht dürfte man sagen, sie sei wahr in jenem einen Augenblick, da diese Provokation wie ein Blitz eine nächtliche Landschaft erhellt: weil sie daran erinnert, daß alles ausgeführte und dann auch ausführliche Erzählen sich einzig der imaginativen Kraft des Subjekts verdankt, somit alles utopische Entwerfen, das letztlich für Bohrer identisch ist mit fiktivem Schreiben, in der utopischen Verfassung des Subjekts gründet.

Problematisch wird diese Bestimmung der Utopie, wenn man sich vor Augen hält, daß die utopische Verfassung oder, wie Bohrer an anderer Stelle sagt, die "reine utopische Erwartung" nicht unabsehbar perpetuiert werden kann. Was erwartet wird und häufiger noch das, was nicht erwartet wird, trifft ein, Mögliches verwandelt sich unablässig in Wirkliches. Mit diesem Wirklichen ist der Schriftsteller, ist auch Robinson auf seiner Insel konfrontiert.

Oder anders und nur im Hinblick auf den Schriftsteller formuliert: Erzählen ist immer erzählen von etwas, und eben dieses Etwas annulliert ständig die Utopie, wie Bohrer sie versteht. Indem die weitgreifenden und darum konkret schwer referierbaren Essays von Bohrer diesen Sachverhalt ignorieren, können sie auch selber als Ausdruck jener Utopie verstanden werden, von der sie handeln.