Vor elf Jahren schickten sich ein zweitklassiger britischer Regisseur namens Terence Young und ein unbekannter irischer Schauspieler namens Sean Connery an, die erfolgreichste Kinoserie aller Zeiten zu kreieren. Am Anfang war „Dr. No“, es folgten „Liebesgrüße aus Moskau“, „Goldfinger“ und „Feuerball“. Und schon 1966, nach dem vierten James-Bond-Film, sah es so aus, als würden die Macher dem erbarmungslosesten aller Branchengesetze zum Opfer fallen: daß das Original notwendig vom Markt verdrängt wird, wenn allzu viele Imitationen am allgemeinen Boom teilhaben wollen. Die Bonditis inspirierte nicht nur einen Schweizer Regisseur namens Karl Suter zu einer gleichnamigen Parodie, sondern auch eine Unzahl von transalpinen Miniatur-Bonds zu durchweg dürftigen Ersatzhandlungen.

Doch Ian Flemings forscher Retter des goldenen Westens hat inzwischen nicht nur Parodien – darunter auch „Casino Royale“ – und Imitationen überlebt, sondern schließlich auch sich selbst. Der Bond der siebziger Jahre, wie ihn Regisseur Guy Hamilton in „Diamantenfieber“ und „Leben und sterben lassen“ präsentiert, hat herzlich wenig mit seinem literarischen Vorbild zu tun, einem rüden kalten Krieger mit verklemmter Sexualität und brutalem Schlagetot-Habitus. In den elf Jahren zwischen „Dr. No“ und „Leben und sterben lassen“ haben die Produzenten Saltzman und Broccoli ihren Helden so nachdrücklich der gewandelten historischen Situation angepaßt, daß der 1964 gestorbene Fleming es vermutlich bedauert hätte, sein ideologisch überfrachtetes Erbe nicht zu treueren Händen hinterlassen zu haben.

Die ersten Bond-Filme folgten noch ziemlich skrupulös den Romanen von Fleming. Von „Diamantenfieber“ freilich, dem siebenten Kinoabenteuer des unverwüstlichen 007, konnte Guy Hamilton bereits sagen, er habe „light comedy“ im Sinn gehabt. Und wenn jetzt Roger Moore als dritter Bond nach dem elegant gefährlichen Connery und dem bleichen Dressman George Lazenby zum Leben und Sterbenlassen antritt, tänzelt er durch einen Plot, der mit Flemings Buch aus dem Jahre 1954 kaum mehr als den Titel gemein hat. Operation gelungen, Patient tot. An der Wandlung der Serie erweist sich das wahre Ende des kalten Krieges.

Der Bond der siebziger Jahre ist kein Schläger, sondern ein Causeur, kein Missionar, sondern ein Artist. Wie schon vor einem Jahr „Diamantenfieber“, hat Guy Hamilton jetzt den blutigsten aller Bond-Romane zu einer phantastischen Zirkusvorstellung verarbeitet, zu einer Gala der Menschen, Tiere, Sensationen, deren wahre Helden nicht die Agenten, sondern die Cascadeure sind. Mit großer Lust am Magischen, am mechanisch-technisch gerade noch Möglichen findet Hamilton zurück zu einem Kino des Staunens, der Verzauberung, der kindlichen Verwunderung, dessen Quellen sowohl die bizarren Utopien eines Méliès einschließen als auch die legendären „Republic“-Serials der dreißiger und vierziger Jahre. Einmal fliegt Bond in den Himmel des alten französischen Illusionskinos der Jahrhundertwende, dann wieder wandelt er auf den Spuren der naiven Serial-Helden Hollywoods, überwindet die Gesetze der Logik und der Schwerkraft so mühelos wie der selige „König der Raketenmänner“.

Hamiltons Regression auf die naiven Mirakel des alten Sensationsfilms verleiht seinem Bond eine vergnügliche Comic-Strip-Ästhetik. Der Oberschurke Mr. Big zum Beispiel, der in Flemings Roman von Haien gefressen wird, zerplatzt in der Kinoversion wie ein Luftballon. Und auch die ungemein brillanten technischen Gags, hinter deren stupender Perfektion allemal die arge Notwendigkeit steht, die akrobatischen Attraktionen der vorigen Folge noch einmal zu übertreffen, scheinen geradewegs aus Comics zu stammen.

Hamilton verkauft seinen Markenartikel Bond ’73 so virtuos und keimfrei wie die Henkel-Werber das letzte, das beste Persil. Der weiße Riese geht um, und wenn in der letzten Einstellung ein schwarzer Mann auf einer Lokomotive sitzt und höhnisch in die Nacht lacht, hebt sich der surreale Spuk einer entfesselten Verkaufsstrategie spielerisch wieder auf. Es ist nichts gewesen, die monströse Schau zerplatzt so spektakulär und letztlich folgenlos wie der böse Mr. Big.

Roger Moore, der immer so unbeteiligt aussieht, als sei er eine Charge in einer Sommerset-Maugham-Erzählung, paßt perfekt in Hamiltons bunten Unfug. Die Handlung, die schließlich nichts anderes ist als beliebiger Anlaß für eine Folge von Salto Mortales, läuft an ihm vorbei. Er ist der Clown in diesem Zirkus, und in der deutschen Synchronisation sogar ein besonders fader. Der leise Witz vieler Dialoge, die im Original die tote Zeit zwischen zwei Hochseilnummern zu überbrücken helfen, ist verlorengegangen. Dafür gibt es immer noch Paul McCartneys Lied „To live and let die“, und das hätte sich Fleming wohl auch nicht träumen lassen, daß die Bonds und die Beatles in friedlicher Eintracht zum Millionenspiel antreten.

Aber sie wissen wohl, was der Erzkapitalist Fleming einst arglos formulierte: „Diamonds are forever“. Und da kann man sich nur noch hinlegen. Der weiße Riese, der beste Bond, den es je gab, kommt wieder: In „The Man with the golden Gun“. Magie und Marketing, Mirakel und der Müll der Madison Avenue. Nichts geht mehr, alles geht. Hans C. Blumenberg