ZDF, Donnerstag, 13. September: „Kennzeichen D“

Kennzeichen D“ – das klingt eher nach „Aktenzeichen XY unbekannt“ und nach „Tatort“ als nach einem politischen Magazin. Die Verfremdung ist gewollt, ist Teil des (bescheidenen) Erfolges. Moderator Hanns Werner Schwarze und sein Regisseur Wolfgang Drescher wollen politische Informationen besser „verkaufen“ als andere – mit frechem Witz, flotter Musik, überraschenden Kameraeffekten Aber diese lockere Gewandung war immer auch notwendiges Lebensprinzip. Keine Magazin-Redaktion hat es so schwer gehabt wie die Berliner „D“-Mannschaft, beargwöhnt im eigenen ZDF-Hause, angefeindet draußen, ausgesetzt dem Proporzgerangel der Parteien, benachteiligt durch ungünstige Sendezeiten, verpflichtet einem gesamtdeutschen Anspruch, der sich weder in die Abgrenzungstheorien drüben noch in die Wiedervereinigungsutopien hüben einfügen läßt.

Verglichen etwa mit Löwenthals ZDF-Magazin und Merseburgers „Panorama“, wirken die einzelnen Beiträge der Schwarzc-Sendungen unterkühlt, leidenschaftslos, beinahe übertrieben sachlich. Man könnte sich diese Redaktion angesiedelt vorstellen irgendwo im Niemandsland zwischen Sperrzone Ost und Zollgrenze West, vom unsicheren Port beiden Seiten gemächlich ratend und, nach Bedarf, strenge Zensuren verteilend. Dieses Deutschland-Magazin ist aus der „besonderen“ Lage Westberlins hervorgegangen, sein Nährklima ist ostelbisch, nicht linksrheinisch Dem kritischen Salz der Berichte streut Schwarz; der Pfeffer seiner Kommentare zu – entschieden und mit kokettierender Selbstgewißheit.

Eines Tages soll die „D“-Sendung ganz ohne Moderator auskommen. Aber kann sie das? Ist nicht Hanns Werner Schwarze schon zum Markenzeichen geworden, an das sich die Zuschauer in den letzten beiden Jahren gewöhnt haben? Würden sich nicht die Menschen in der DDR im Stich gelassen wähnen, wenn nur noch ein anonymer Ansager die Bilder begleitete? Zugegeben, Schwarze ist ein Mann, an dessen Meinungen man sich reibt. Gerade beim fünfundzwanzigsten Male gab er sich betont provozierend: Er konstatierte gesamtdeutsches Gemeinempfinden in der Protestaufwallung über den Putsch in Chile; er geißelte gleich zweimal bayerisches Freund-Feind-Denken, und er spielte sogar, mit gespielter Naivität, den Unwissenden, Ratlosen.

„Kennzeichen D“ zeigte sich in den meisten Beiträgen der Jubiläumssendung von der besten Seite. Mehrere „Fälle“ wurden detektivisch ergründet, Tatarenmeldungen der Springer-Presse und der bayerischen Grenzpolizei entlarvt Die DDR hat die ZDF-Sendungen keineswegs aufs Korn genommen (nur verfügen die wenigsten DDR-Bewohner über moderne Geräte, sie zu empfangen); die Vopo stellt auch westdeutschen Transitfahrern keine Fallen (es hatte nur einer, aus Angst vor seiner besseren Hälfte, ein amouröses Abenteuer durch ein erfundenes politisches Abenteuer zu vertuschen versucht). Solche Richtigstellungen werden den verdutzten Leichtgläubigen – zumeist von Lesern der „Springer-Presse und des „Bayernkurier“ – nicht ohne sichtbare Schadenfreude serviert. Nur weiter so! Da stört es auch nicht allzusehr, wenn Schwarze eine ironische Betrachtung des DDR-Dichters Hermann Kant zum Phänomen „Grenze“ in den falschen Hals bekommt. Meinungen seien Moderatoren unbenommen – Kant zu sehen und zu hören, war allein schon die Sendung wert.

Zu wünschen übrig ließen die beiden Beiträge aus dem westdeutschen Bereich. Die Fragwürdigkeit des Radikalenerlasses wurde zwar offenbar am Beispiel eines niederbayerischen Junglehrer; und SPD-Mitgliedes, dem Gebetsverweigerung und „rote“ Sturm-und-Drang-Zeit die Entlassung aus dem Schuldienst eintrugen. Aber wäre nicht mehr Information vonnöten gewesen? Wie ist die Praxis an bayerischen Konfessionsschulen! Und wie sind die Rechtsmittel? Ebenso viele Fragen blieben beim letzten Bericht offen. Es ist billig, ob der Bilder von der (subventionierten) Blumenkohl- und Tomatenvernichtung in der Pfalz Verbraucherzorn hell auflodern zu lassen. Aber ein „Ich versteh es auch nicht“ ist an Information zu wenig. Auch „Kennzeichen D“ sollte doch über Wirtschaftsexperten verfügen, die den Mechanismus einer freien Marktwirtschaft (mit eingebautem Grünen Plan) erklären könnten.

Bald, wenn die Sendung „drüben“ gestorben. ist, wird „Kennzeichen D“ vierzehntägig zu seher. sein, allerdings an Dienstagabenden, in schwerer Konkurrenz gegen das Unterhaltungs-Kontrastprogramm der ARD. Das Schwarze-Team wird darum Zuspruch brauchen, auch Standfestigkeit Seine Sendung kann nur besser werden. Und je besser, desto unentbehrlicher – als Informationsquelle für Deutsche in Ost und West.

Karl-Heinz Janßen