Szep volt András!“ – mit diesem „Schön war’s, András!“ begrüßten die ungarischen Schlachtenbummler im Belgrader Tasmajdan-Stadion ihren Landsmann András Hargitay, der bei den Weltmeisterschaften der Schwimmer als erster die Siegeskette der DDR- und USA-Teilnehmer unterbrach und für eine Abwechslung im beinahe schon monotonen Duell der beiden Schwimmgiganten sorgte.

Seit 1936 war keinem ungarischen Schwimmer mehr ein so bedeutender internationaler Erfolg gelungen. Damals, bei den Olympischen Spielen in Berlin, gewann Ferenc Csik die klassische 100m-Kraulstrecke vor dem amerikanischen Weltrekordler Peter Fick und den japanischen „fliegenden Fischen“ Yusa, Arai und Tagutsi sehr überraschend. Zwar wuchsen seitdem auch am Donau-Ufer einige Schwimmpersönlichkeiten heran, doch die Kräfte von Tumpek, Csordás, Nyéki, Kádas oder Mitro reichten nur für Europameistertitel und Weltrekorde. Die Madjaren, stets begeisterungsfähig für Medaillen aus. Edelmetall, notierten diese Leistungen recht gleichmütig. Das nationale Selbstbewußtsein rückte erst jetzt Andras Hargitay wieder zurecht. Der 17jährige Budapester Schüler gewann in Belgrad den Weltmeistertitel im 400-m-Lagenschwimmen.

Der Wettbewerb weckte durch seinen anfänglichen Verlauf Erinnerungen an München 1972. Bei der Hälfte der Strecke führte Hargitay mit 6 Metern Vorsprung, genauso wie in der olympischen Schwimmhalle damals Gary Hall. Das weitere Schicksal des Amerikaners ist bekannt: seine Kräfte ließen nach, und die Goldmedaille ging an den Schweden Gunnar Larsson. Würde es dem Ungarn ebenso ergehen? Rick Colella galt als exzellenter Brustschwimmer. Als er jedoch nach 300 m immer noch hinter Hargitay lag, war die Entscheidung praktisch gefallen. Daß dabei der Weltrekord nicht gefährdet wurde, erklärte Trainer Tamás Széchy: „Die letzten 100 m absolvierte Hargitay noch nie so langsam. Wir haben damit gerechnet, daß Colella ihn nach der Bruststrecke nicht nur ein-, sondern auch überholen wird. Wäre das der Fall gewesen, hätte es in der Schlußphase einen erbitterten Zweikampf gegeben und – höchstwahrscheinlich – dadurch einen neuen Weltrekord.“ Der neue Weltmeister meinte: „Ich habe auf Colella gewartet, aber er kam ja nicht.“

Um András Hargitay ranken sich keine interessanten Storys, sein Leben verläuft eher spartanisch. Der erste Star der „Zentralen Sportschule“, deren Ziel die Talententdeckung und Förderung ist, bewegt sich in einer relativ kleinen Welt. Morgens Schwimmen, vormittags Säule, nachmittags wiederum Training und abends die Flucht in den Schlaf, um neue Energie zu sammeln. Täglich verbringt er etwa 7 Stunden im Wasser, sieht dann fast nur den eintönigen Beckenboden, darf nicht einmal nach eigenem Wunsch Luft schöpfen, denn die Armzüge bestimmen die Atemzüge. Während all dem tickt eine Stoppuhr, der ganze Körper pulsiert, die Prozedur bringt tagaus, tagein Erschöpfung. Dennoch – er macht weiter. Warum? „Das ist eine Ehrensache. Ich bin einfach verpflichtet, mein angeborenes Talent auszuschöpfen.“

Seit 10 Jahren setzt der 1,87 m große und 72 kg schwere Hargitay seine Begabung nun Schon um. Weltrekorde seiner Altersklasse und mehrere Junioren-Europameistertitel waren die bisherige Ausbeute und eine Monopolstellung im ungarischen Schwimmsport. Ein heimischer Wettbewerb auf der Margarethen-Insel bot immer wieder das gleiche Bild: Hargitay sitzt, in seinen Bademantel gehüllt, auf der Tribüne, geht dann zum Start, siegt oder stellt dazu noch einen neuen Rekord auf, setzt sich, nach einigen Minuten ein neuer Start, ein neuer Sieg, ein neuer Rekord usw. Dazwischen schweigt er sich aus und macht meist einen äußerst gekränkten Eindruck, oberflächlich betrachtet. Lächeln – das scheint er nicht zu kennen. Doch dann kommt München: Die erste olympische Bronzemedaille und vor vier Wochen der Europapokal in Ostberlin. Innerhalb von 10 Minuten gewinnt Hargitay über 200 m Delphin und über 400 m Lagen, schlägt dabei die Besten des Kontinents. Der Weltmeistertitel von Belgrad ist sozusagen programmiert. Und siehe da, der András öffnet sich, gibt Interviews, unterhält sich und lächelt sogar. Die unheimliche Last der selbstauferlegten Verpflichtung beginnt leichter zu werden. Die Arbeit war nicht umsonst.

Auch im privaten Leben des András Hargitay wohl nicht. Um weitere Erfolge ansteuern zu können, braucht der Ungar nicht mehr mit anderen die Schulbank zu drücken, er bekommt einen Privatlehrer und bereitet sich so auf das Abitur vor. Der Sport hat jetzt mehr noch absoluten; Vorrang. Dafür garantiert er seinem treu Ergebenen später ein Hochschulstudium und eine sichere Existenz. Einen Numerus clausus braucht Andras Hargitay im Gegensatz zu seinen bundesdeutschen Kontrahenten nicht zu fürchten. Der Staat, dem er seine Energie jetzt beim Schwimmen spendet, wird ihn später sicherlich nicht vergessen.

Stefan Lázár