Nicht alle, die für Solschenizyn eintreten, meinen Solschenizyn ... Jedenfalls vermögen jene nicht überzeugend als Hüter der Freiheit aufzutreten, die zum gewaltsamen Umsturz in Chile wie zu drastischen Beschränkungen individueller Freiheit in Bündnisländern westlicher Großmächte kaum Kritisches zu bemerken wissen.

Dieter Lattmann, Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller und Bundestagsabgeordneter (SPD)

Soll man, soll man nicht

Nach Bölls und Grass’ unverklausulierten Protesten gegen die Verfolgung oppositioneller Schriftsteller und Wissenschaftler in der Sowjetunion, nach dem Aufruf des deutschen PEN in der gleichen Sache ist die Frage, ob und wie westliche Literaten hier Stellung nehmen sollen, unter ihnen zur Zeit Thema Nummer 1. Eine extreme Ansicht äußerte Franz Xaver Kroetz, Dramatiker und DKP-Mitglied: "Solange auf der Welt pro Minute drei Kinder verhungern, und das nachweislich dort, wo der Kapitalismus herrscht oder Einfluß hat, müssen mir die Sorgen von Solschenizyn oder Sacharow zweitrangig sein." Indirekt eine Antwort darauf gab der Arbeitswelt-Reporter Günter Wallraff, gerade zurück vom Schriftstellerkongreß in Alma Ata, UdSSR, Sozialist auch er, wenngleich kein DKP-Mitglied: "Indem orthodoxe Kommunisten im Westen vorbehaltlos die Schriftstellerverfolgungen billigen, lähmen sie die Kräfte, die dabei sind, einen menschlicheren Sozialismus zum Tragen zu bringen, und man unterstützt die Gruppe der Kalten Krieger, die sich in der Sowjetunion zur Zeit noch einmal aufbäumt."

Neruda lebt

Die Gerüchte, daß zu den Todesopfern des chilenischen Militärputsches auch der Dichter, Nobelpreisträger und Kommunist Pablo Neruda gehöre, sind widerlegt worden. Neruda lebt in seinem einsamen Haus etwa hundert Kilometer von Santiago de Chile entfernt, so krank, daß er das Bett selten verläßt, arbeitet aber an nicht weniger als zehn neuen Werken. Äußerungen zu dem Militärregime sind von ihm nicht bekannt.

150 000 Mark für Wallraff-Manuskript