Berlin

Die Kollegen frotzeln ihn jetzt: Wer denn sein Manager sei und für soviel Publizität sorge. Wolfgang Göbel, 34 Jahre alt, Diplom-Politologe, Mitarbeiter im Presseamt des Berliner Senats, ehemals Mitarbeiter des Axel-Springer-Inland-Dienstes (ASD), steht plötzlich im Mittelpunkt einer Affäre, in der er genaugenommen nur Statist war. Er braucht einen Rechtsanwalt und keinen Manager. Für die Publizität sorgt ganz ungebeten die Kumpanei von ASD und ZDF-Magazin.

Am 5. September verkündete Gerhard Löwenthal im ZDF, Göbel sei vom damaligen Bundesgeschäftsführer der SPD, Wischnewski, beim ASD "als Spitzel eingeschleust" worden, der die von Göbel erhaltenen Mitteilungen über Interna des ASD mehrfach dem damaligen Kanzleramtsminister Ehmke weitergegeben habe. Dabei stützte sich Löwenthal auf einen Vermerk der Bonner Staatsanwaltschaft, auf ein internes Aktenstück also, das keineswegs zur Veröffentlichung bestimmt ist. Göbel wurde Anfang 1972 im Zusammenhang mit den Ermittlungen über Geheimnisverrat und der Seume-Affäre acht Stunden lang vernommen. Von Göbel stammt die Information, der ehemalige SPD-Abgeordnete Franz Seume gehöre zu den Informanten des ASD. Seume und der ASD bestreiten dies entschieden.

Johannes Otto, Chefredakteur des ASD, äußert sich vorsichtiger. Er könne nicht sagen, ob Göbel eingeschleust worden sei oder sich nachträglich entschlossen habe, Wischnewski mit Informationen zu versorgen. Als 1969 der ASD gegründet und aufgebaut wurde, sei ihm Göbel, Mitglied der SPD, vom damaligen Pressechef des Senats, Peter Herz, als guter Mann empfohlen worden. Zuvor war Göbel sechs Jahre lang Mitarbeiter des senatseigenen "Studios am Stacheldraht", das über Leuchtschriften und Lautsprecher Informationen nach Ostberlin ausstrahlte. Immerhin, so meint Otto, gehe aus dem von Löwenthal verlesenen Vermerk der Staatsanwaltschaft hervor, daß Göbel mehrfach Material an Wischnewski und Ehmke weitergeleitet habe; er habe sich Meldungen und auch geheime Unterlagen kopiert.

Aus seiner Informationstätigkeit für Wischnewski macht Göbel gar kein Hehl. Er bestreitet nur, dem ASD Unterlagen "gestohlen" zu haben, wie Otto erklärt hat. Die Meldungen und Hausmitteilungen des ASD seien in großer Anzahl an alle Springer-Redaktionen gegangen und hätten stapelweise herumgelegen, von geheimen Unterlagen könne da keine Rede sein. Es sei auch üblich gewesen, daß sich Mitarbeiter des ASD solche Papiere für ihr Handarchiv mitgenommen hätten.

Göbel bezeichnet sich als Mitglied des rechten Flügels der SPD. Deshalb habe er keine Bedenken gehabt, im Oktober 1969 zum ASD zu gehen, zumal ihm dort die Möglichkeit geboten wurde, über sein Spezialgebiet – DDR und SEW – zu arbeiten. Damals, so Göbel, kannte er weder Wischnewski noch Ehmke persönlich. Erst als die "Grenzen des Journalismus", wie er sagt, überschritten wurden, habe er sich an Wischnewski gewandt.

Im Mai 1970 in Kassel, als Willy Brandt sich dort mit Willi Stoph traf, fragte der Bonner Korrespondent des ASD, Vielain, ob Göbel nicht zu ihm nach Bonn kommen wolle: Er, als Sozialdemokrat, könne sicher unauffälliger Informationen bei SPD-Mitgliedern sammeln. Danach wurde Göbel angedeutet, man habe einen Informanten durch belastende Dokumente in der Hand. Es gab noch andere Vorfälle, die Göbel seine Tätigkeit für den ASD immer unbehaglicher werden ließen. Das Klima in der Redaktion war von der Abneigung, teilweise vom Haß auf die Bundesregierung bestimmt. In Redaktionskonferenzen konnten – so Göbel – Redakteure ungerügt Willy Brandt als "Vaterlandsverräter" und Egon Bahr als "jüdische Ratte" bezeichnen.