Von Dominik Jost

Vor sieben Jahren brachte Suhrkamp einen Roman des bis dahin literarisch nicht namhaften DDR-Staatsbürgers Fritz Rudolf Fries: „Der Weg nach Oobliadooh.“ Der Autor war dreißig Jahre alt. In Bilbao geboren, mitten im schwärzesten Krieg nach Deutschland umgesiedelt, hatte Fries in Leipzig Literaturwissenschaft (Germanistik, Anglistik) studiert und als Übersetzer und seit 1962 als Assistent an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ostberlin gearbeitet. „Der Weg nach Oobliadooh“ erschien allein in der Bundesrepublik. Das Buch trug dem Verfasser damals in der DDR erheblichere Nachteile ein als bloß Schelte.

Es war ein Protest gegen den drallen Optimismus naiver Frohnaturen und gegen den Leistungsdruck der Streber und Planer der „arbeiterundbauernrepublik“. Es war die Flucht vor einem System, dessen Heraufkunft George Orwell vorweggenommen hat. Seine Figuren waren Zweifler, Müßiggänger in den Augen der Funktionäre in Dresden, Leipzig, Rostock anno 1957 und 1958, waren Parasiten, Subversive, Defätisten. Denn sie hörten doch Jazz und diskutierten Westliches; sie lebten als sensible Snobs in Büchern statt im sozialistischen Alltag, liebten Proust und hielten offenbar gar nichts von der Widerspiegelungstheorie des Sozialistischen Realismus. Auf den letzten Seiten franste die Eigenständigkeit in Enttäuschung aus, die natürlichen und künstlichen Emotionen verebbten in allmählicher Anpassung. Grundsätzliches Einverständnis mit der Basis des SED-Staates gab es nicht. Der Rest war Resignation, mit Bitterkeit versetzt – denn Oobliadooh gibt es in der Gesellschaft des Westens nicht und nicht in der des Ostens.

Anders die Sammlung „Der Fernsehkrieg und andere Erzählungen“, die 1969 in der DDR herauskam. Sie bezeugte beflissen prinzipielle Übereinstimmung mit den Grundlagen des Neuen Deutschland. Kein Protest mehr, nichts von Ausflippen, weder lautes noch leises Dagegensein. 1970 standen in Heft 5 von „Sinn und Form“ einige Texte, „Seestücke“ überschrieben, die in der Tonart an die elf Geschichten des „Fernsehkrieges“ anschließen. Diese neue Prosa hat jetzt Buchumfang erreicht und wird vom VEB Hinstorff Verlag Rostock/DDR publiziert; hierzulande gibt es die Lizenzausgabe – Fritz Rudolf Fries: „See-Stücke“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1973, 103 S., 18,– DM.

Die dreißig Stücke, dreißig Texte, sind als Ganzes die Reportage einer Reise der Familie Fries nach Güstrow, Wismar, Rostock, Stralsund, Hiddensee. Hier könnte ein Produkt der Reiseschriftstellerei vermutet werden. Wohl hat Fries in die „See-Stücke“ die Erträge von Reise und Aufenthalt eingebracht, doch Reise und Aufenthalt sind lediglich die Prämissen, aus denen die Summe zu ziehen ist. In die Gegenwart ausfahrend, steigt Fries in die Vergangenheit zurück, in die Zukunft hinaus. Er bedenkt, was er gesehen hat; er wägt zu Ende, was er bedacht hat. Er ahnt auch, einem Philosophen folgend, daß jegliches Übel vom Reisen kommt.

Die erzählbaren Vorgänge sind mit Reflexionen untermischt; Historisches bringt Berichte von Erfahrungen zum Stehen; Traumbilder, Traumgedanken, Traumwünsche nisten in entlegenen Winkeln. Noch bleibt die Insel als utopischer Ort nicht gänzlich aus den Tagträumen des Touristen verbannt – „die Schiffe, die zu den Inseln fahren, stoßen schreiende Sirenenklagen aus, daß wir Mühe haben, der Verlockung zu widerstehen“. Nicht alle Spuren delikaten Raffinements aus der abgelebten „Oobliadooh“-Periode sind getilgt; noch steht zu lesen: „Auch Widmungen halten die Zeit fest“; „sie weiß, die Welt ist das, was wir finden“. „Wie immer liegt die Poesie in der Nähe der Etymologie“.

Auf die „Oobliadooh“-Periode weist auch die Parabel von „Marinis Insel“ zurück. Sie ist in drei Teile zerschnitten und an markanten Stellen der „See-Stücke“ eingelegt. Marini ist Steward in einem Passagierflugzeug, das im Linienflug von Rom nach Beirut über die Insel Xiros in der Ägäis dahinzieht. Marini hat „eines Tages das Einerlei seines Berufes über“, steigt aus, fährt nach Xiros, wird bleiben; er „hat die Vergangenheit abgeschafft, die Insel gehört ihm, die Fischer haben ihn aufgenommen“, und das Flugzeug mit dem neuen Steward an Bord stürzt über Xiros ab.