Mit einem Knopfdruck gab Herbert Schelberger, Vorstandsvorsitzender der Ruhrgas AG, in Waidhaus an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze den Start für das erste Erdgas aus der Sowjetunion frei. In den nächsten zwanzig Jahren sollen, so sehen es die Verträge vor, im ganzen 120 Milliarden Kubikmeter hochkaloriges Naturgas nach Deutschland fließen. Zunächst kommt es aus der westlichen Ukraine, später soll russisches Erdgas aber auch aus den großen Lagerstätten in Sibirien geliefert werden. Bis Ende des Jahrzehnts werden die jährlichen Liefermengen sukzessive auf sieben Milliarden Kubikmeter steigen.

Das Gas aus der Sowjetunion wird zunächst durch Lieferungen deutscher Stahlfirmen bezahlt, wobei ein deutsches Banken-Konsortium Kredite über 2,4 Milliarden Mark bis 1983 einräumte. Der Ruhrgas-Boß erklärte sich bereit, für seine Gesellschaft „alsbald einen Vertrag über die doppelte Menge und statt 20 auf 50 Jahre abzuschließen“. Kenner rechnen damit, daß schon im kommenden Jahr Verhandlungen über einen dritten Kontrakt mit der russischen „Sojus-Gasexport“ beginnen werden.

Aus Gründen der Sicherheit und wegen des wachsenden Bedarfs ist die Ruhrgas jedoch bemüht, auch andere Erdgasquellen zu erschließen. So wurde vor wenigen Tagen mit der staatlichen algerischen Erdölgesellschaft Sonatrach ein Vorvertrag abgeschlossen, nach den von 1979 an auf die Dauer von 20 Jahren jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas abgenommen werden (dazu kommt eine Option über weitere zwei Milliarden Kubikmeter). Ein Teil der Mengen allerdings wird an die Gas-Unie (Holland) abgezweigt.

Der Preis für algerisches Gas ist noch nicht bekannt, soll aber höher liegen als der für das russische Gas. „Der Markt verlangt nach mehr Erdgas, und wir müssen diesen Wünschen entgegenkommen“, heißt es dazu als Erklärung bei der Ruhrgas.

Der deutsche Verbraucher wird sich damit abzufinden haben, daß der deutsche Erdgasmarkt vom Weltmarkt-abhängig ist und der dort übliche Preis bezahlt werden muß. Auch die Ruhrgas geht beim Einkauf des teuren Gases auf 20 Jahre ein hohes Risiko ein; Heute besteht noch keine Klarheit darüber, wie sich das Preis-Niveau bis zum Ablauf des Vertrages entwickelt. Immerhin hat sich durch den Algerien-Vertrag die Ausgangsposition für neue Gespräche mit den Sowjets nicht verschlechtert.

1973 wird der Erdgas-Verbrauch in der Bundesrepublik 34 Milliarden Kubikmeter erreichen: Davon stammen über 15 Milliarden Kubikmeter aus Importen. Bis 1980 wird sich diese Menge mehr als verdopppeln.